Donnerstag, 7. April 2016

Mustang (2015)


Toller Film, der mit unglaublich guten Darstellern und sehr atmosphärisch von fünf verwaisten Teenie-Schwestern erzählt, die plötzlich in der nordtürkischen Provinz ihrer Freiheit beraubt und auf arrangierte Verheiratung vorbereitet werden. Fanden Silke, Sven und ich jedenfalls. Der vierte Anwesende, Stefan, sah das anders.

Die französisch-deutsch-türkische Koproduktion hat jede Menge Preise abgeräumt, unter anderem  vier Césars (bester Debütfilm, bestes Drehbuch, bester Schnitt, beste Musik) und wurde von Frankreich für den Auslands-Oscar nominiert.

Die Erstlingsregisseurin heißt Deniz Gamze Ergüven. Silke hat die Musik besonders gelobt. (Gefiel mir auch, Stefan nicht, Sven hat nix dazu gesagt.) Und sie wusste dann auch, dass Warren Ellis, der sie gemacht hat, ein Nick-Cave-Kumpel ist.

Bei IMDB ist die Durchschnittsnote 7,6. Der Metascore beträgt 83. Eigentlich findet jeder den FIlm toll. Nur Stefan nicht. DIe Beurteilung „handwerklich gut gemacht“, mochte er dem Film schließlich noch zugestehen und darum „gucke man ihn ja auch gerne an“.

Aber vor allem sei er „abgeschmackt“ und voyeuristisch. Die Anfangsszene am Strand, das ausgelassene Getobe der fünf Schwestern mit Mitschülern, das die ganze Handlung in Gang setzt, spiele bewusst mit Soft-Porno-Klischees: Pornografisch sei das nicht etwa, weil die Mädchen im Wasser nackt oder im Bikini oder in an der Haut anliegenden T-Shirts gezeigt würden, sondern weil sie ihre Schuluniformen anhätten.
Ich fand den Vorwurf nicht nachvollziehbar. Um die narrativen Folgen auszulösen, muss das Ganze natürlich gleichzeitig unschuldig und sexuell aufgeladen sein, das macht die Szene ja schließlich aus. Mir schien es eher, als hätte sich die Regisseurin gerade für die Uniformen entschieden, um die Szene zeigen und ihre Wirkung auf petzende Beobachter verständlich machen können, ohne ihre weiblichen Figuren volle Kanne als Sexualobjekte vorzuführen. Dass sie letzteres in Stefans Augen durch das Angezogensein aber umso mehr sind, will nicht in meinen Kopf. Ich vertrat die Ansicht, dass Schuluniform-Fetischismus nicht die Norm, sondern die Ausnahme darstelle und die Szene darum nicht kalkuliert sein könne. Damit Schuluniformen sonderlich aufgeilten, müsse der Betrachter ja mindestens ein halber Päderast sein. Stefan darauf: Aber das seien Männer ja auch.

Außerdem würde hier ein Blick von außen auf die skurrillen, hinterwäldlerischen Sitten eines komischen Volkes geworfen, so Stefan weiter. In deutsch-türkischen Komödien werde mehr Verständnis erweckt und Einblick in die Ursachen solch patriarchalischer Strukturen gewährt. Problematisch sei, dass der Film von Frankreich und Deutschland koproduziert worden sei. Die junge türkische Regisseurin ließe sich „vom Westen bezahlen“, so Stefan wörtlich.

Sven hat Stefan beim Schuluniformvorwurf zumindest teilweise zugestimmt, bei der Frage des Blicks von außen und der Finanzierung aber widersprochen. Silke hat zweifach salomonisch gemeint, dass Stefan und ich beide Recht hätten.

Mir hat die Diskussion diesmal gar keinen Spaß gemacht. Das Filmerlebnis wurde für mich dadurch etwas beeinträchtigt. Keine Ahnung, warum. Ist zum Glück sonst nicht so, wenn nach dem Gucken Kontroversen ausgetragen werden. Ich schätze, Larissa ist das schon öfter so gegangen.

EINE negative Kritik ist bei Metacritic gelistet. Da gibt’s aber keine Gemeinsamkeiten mit Stefans Kritikpunkten. James Lattimer krittelt, für mich sehr viel nachvollziehbarer, an mangelnder Plausibilität herum. Und meint, dass der Film sein ernstes Thema verspiele und mit fünf hübschen Gesichtern und Eindimensionalität zu sehr die Vermarktbarkeit im Blick habe.

Ein Handvoll eher negative IMDB-Nutzer-Kommentare lassen sich finden. Da geht’s eher darum, dass das Leben in der Türkei nicht realistisch dargestellt sei, auch wieder um Plausibilität. Um Vorhersehbarkeit. Keiner stört sich an Voyeurismus oder Pornografie.

Googelt man die Begriffe „mustang“ „film“ „2015“ „school uniform“ findet man auch keinen Hinweis darauf, dass noch jemand da ein Problem sieht. Wenn das Wort „voyeuristic“ auch eingegeben wird, stößt man immerhin auf diese Sätze, auf spätere Szenen im Haus bezogen: „Listlessness leads to creative ways of passing the time, and the girls manage to make their imprisonment entertaining through imaginative games. As their limbs intertwine in an almost indiscernible pile while they laugh and play on the floor, all the bare skin and touching would seem voyeuristic if it weren't so obviously innocent, even if along the way they are also discovering their sensuality as maturing women.“

Schreibt Nadia Robertson bei moviepilot.
Wir haben auch über die Frage gestritten, ob der Film eine Aussage habe, die über die spezifische Situation im Film bzw. in der türkischen Gesellschaft hinausgehe. Dazu sind Robertsons Schlussworte noch ganz interessant: „Lale and her sisters, in the face of these challenges, are vibrant and so full of life; unwilling to be broken, they actively seek liberation and encourage us all to forge our own independent paths in life. MUSTANG is an emotionally stirring, must see coming of age story that is universally relevant not only to all girls & women, but to everyone, everywhere.“

Die Strandszene beruht übrigens auf einer Kindheitserinnerung Ergüvens. (An gleicher Stelle: "To prepare her crew of young women actresses for the roles they’d play in “Mustang” — strong, playful, sexually explorative, rebellious women reluctantly allowing their grandmother to marry them off — Ergüven gave them assignments. They watched Stanley Kubrick’s “Lolita,” Benh Zietlin’s “Beasts of the Southern Wild,” and Andrea Arnold’s “Fish Tank,” which the girls found “boring,” aside from a scene where the protagonists witness blunt, unedited sex.")





9 Kommentare:

Silke hat gesagt…

Ich finde intressesant, welche Filme die Regisseurin ihren jungen Darstellerinnen hat schauen lass. Der offenssichtlichste Bezug aber bleibt unerwähnt: "The Virgin Suicides" von Sofia Coppola: auch hier 5 streng behütete Schwestern, erwachende Sexualität, die den Mädchen verboten werden soll, Selbstmord. Auch ein Fluchtwagen spielt eine (allerdings letztendlich traurige) Rolle.

Mein Faseln von einem australischen Film, zu dem ich Parallelen sehen, bezog sich übrigens auf "Picknick am Valentinstag" (danke Wikipedia), ähnlich hier die träumerische Stimmung.

Silke hat gesagt…

Kann man seine Kommentare hier eigentlich tatsächlich nicht noch nachträglich ergänzen oder - wie aktuell gewünscht - blöde Tippfehler korrigieren? Hmm ...

Andreas hat gesagt…

Tja, noch so ein Filn, den ich sehr gerne gesehen hätte. Ob ich allerdings bei der Diskussion hätte dabei sein wollen – da bin ich mir nicht so sicher.

Andreas hat gesagt…

Noch was: Zum Film dieser Woche werde ich etwas posten, versprochen!

Gunnar hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Gunnar hat gesagt…

@Silke: Die Ähnlichkeiten zu "Virgin Suicides" sind nicht nur dir aufgefallen, das wird in vielen Kritiken erwähnt. Hier diskutiert James Franco in einer Kolumne genau darüber mit sich selbst:

"James: So let's talk about the elephant on the screen.

Semaj: What elephant? There aren't any animals in this movie.

James: No, the fact that this movie's premise is so similar to "The Virgin Suicides."

Semaj: Oh, well it is and it isn't. Yes, it is about five sisters who get locked in their house ostensibly for their own protection, but the way their stories play out, and the way that the characters are accessed in "Mustang" is completely different than what happens in "The Virgin Suicides."

James: "The Virgin Suicides" is one of my favorite books. Eugenides uses the group, "we" narrator, so it's as if one amorphous group of characters — the boys who are narrating the piece — is looking at another group that is equally vague, the sisters locked in the house.

Semaj: Yeah, that "we" narrator is mysterious, and very literary. It seems to work better in books than on screen because you can't see them in a book, so it can be as if they were all talking at once, or one of them was talking for all of them. It's what Faulkner used in his most famous short story, "A Rose For Emily."

James: You're right, it's very literary, because the purposely vague "we" narrator of the book is changed in the movie and actually personified by a group of actual boys that we can see, and quantify. And thus they're no longer the group narrator.

Semaj: Yeah, it got changed a little bit in the movie. But I still think it's a beautiful movie. And another feature directing debut, for young Sofia Coppola.

James: Yeah, that movie was awesome. But "Mustang" is different because there is no mediating group of characters looking at the sisters here. The narrator is Lale, the youngest of the sisters. We see almost all of the action through Lale's eyes, and because of that the sisters are more present to us. We are situated in a much closer relationship to them than in "The Virgin Suicides." There, the sisters are meant to be mysterious, and removed.

Semaj: And "Mustang" is in some ways more active, less bleak. "The Virgin Suicides" gets much of its power from the pall of inevitable tragedy that is cast over the sisters. Even the title tells us that things are not going to end well, as opposed to the "Mustang" title, which I read as a characterization of the youngest daughter, Lale, because she is like a little feral horse, bucking against her situation.

James: Yes, the sisters in "Mustang" are less resigned to their fate. They all actively push back against their imprisonment, and the patriarchal mores forced upon them.

Semaj: They draw strength from their sisterhood. They are strongest when they are all together."

(Und ist dieser James Franco nicht ein unglaublicher Vogel? Spielt in jedem Drecksfilm mit, twittert und postet Blödsinn bis die Finger wund sind, macht Kunst und solche Sachen schreibt es also auch noch nebenbei...)

Ganzer Text: http://goo.gl/aaPBtO

Gunnar hat gesagt…

Falls jemand Interesse hat, hier ist der Soundtrack: https://we.tl/n740zrjLr1

Und falls jemand den Film nachträglich gucken möchte, büdde: https://we.tl/hni2pzfTNF

@Silke: Auf Peter Weirs George-Zamfir-Picnic wär'ich vielleicht sogar gekommen, wenn du Australien gesagt hättest. Es war aber von Neuseeland die Rede...

"Fish Tank" habt ihr mal im VC gesehen, oder?

Silke hat gesagt…

Jetzt klappt es doch noch hier, WordPress muss ich noch üben ...

Vielen Dank für beides, lieber Gunnar. Musik gefällt nach wie vor sehr.

Ich hatte "Virgin Suicides" und "Picknick" in der Erinnerung irgendwie fusioniert und den
Mischmasch mit Australien etiikettiert. Neuseeland hast Du gesagt, weil Du eine andere
Idee hattest, worauf mein Gefasel abzielen könnte. Was dafür der konkret assoziierte
Film-Vorschlag war, weiß ich leider nicht mehr.

Andrea Arnold: "Fish Tank" nicht im VC, mein ich, ich hab ihn mal allein dank
Bücherhallen-CD gesehen (hmm, oder hab ich den doch gezeigt), ebenso wie "Red Road", den
ich sehr empfehlen kann - seitdem hör ich "Morning Glory" von Oasis mt anderen Augen. Hab
beim Kurzfilmfestival mal "Wespen" gesehen, seitdem bin ich ihr Fan.

Grüße zur Nacht, Silke

Gunnar hat gesagt…

Ach so, ich war das. Wegen "Heavenly Creatures".
Wordpress ist das hier übrigens nicht, sondern Googles Blog-Plattform, genannt "Blogger". Ich bin ziemlich sicher, dass "Fish Tank" im VC gezeigt wurde und ich nicht dabei war. Kann sich wieder keiner dran erinnern? Das wird mir langsam unheimlich, die fortschreitende Hypomnesie bei uns.