Donnerstag, 21. April 2016
Ich seh Ich seh (Österreich 2014)
So, hier nun also auch mein Comeback auf diesen heiligen Seiten. Zu dokumentieren gibt es die Vorführung des österreichischen Films "Ich seh Ich seh". (Genau so schreibt sich der Titel übrigens auf der offiziellen Verleih-Website; im Netz finden sich diverse andere, offensichtlich falsche Varianten.) Außer mir als Gastgeber waren Silke, Ute und Gunnar dabei.
Gedreht wurde das Werk von Veronika Franz und Severin Fiala, wobei erstere die Ehefrau des umtriebigen Ulrich Seidl ist, der den Film auch produziert hat.
+++ AB HIER SPOILER-ALARM: WER DEN FILM NOCH GUCKEN MÖCHTE, SOLLTE NICHT WEITER LESEN! +++
Es geht um zwei zehnjährige Zwillinge, die davon überzeugt sind, dass ihre nach einer Gesichtsoperation zu ihnen zurückgekehrte Mutter gar nicht ihre Mutter ist, und die sich der vermeintlichen Fremden dann auf brutale Weise entledigen. Der – übrigens auf 35 mm gedrehte – Film hat uns allen eigentlich ziemlich bis sehr gut gefallen: atmosphärisch dicht, stark gefilmt, zeitweise auf eine sehr eigenständige Art wirklich gruselig. Nur mit dem Ende – das ich nun also verraten werde – hatten dann mindestens Gunnar und ich so unsere Probleme. Die Auflösung des Rätsels um die Mutter besteht nämlich darin, dass es in Wirklichkeit nur einen Jungen gibt, während der andere lediglich in der Fantasie des ersten existiert. In der Realität ist er zuvor bei einem Unfall ums Leben gekommen. Silke, die aus Neugier schon zum Kinostart des Films den Wiki-Eintrag dazu komplett gelesen hatte und des Rätsels Lösung also schon kannte, konnte überprüfen, dass über die gesamte Länge des Films alle realen Handlungen von dem "echten" Jungen ausgeführt werden und dass die Mutter stets nur ihn anspricht, nie den anderen oder beide auf einmal.
Diese Auflösung scheint mir in zweifacher Hinsicht fragwürdig zu sein: Zum einen ist sie unnötig eindeutig, nimmt sie der Atmosphäre des Films rückwirkend das Geheimnisvolle, Zweideutige. Zum anderen ist sie, wie ja leider oft bei twist bzw. surprise endings, aller erwähnten Sorgfalt zum Trotz dann eben doch nicht richtig schlüssig: Das sehr unfreundliche, komplett lieblose Verhalten der Mutter gegenüber dem Sohn wird so nicht erklärt, und dass sie den Tod des zweiten Jungen – und die fatale Wirkung, die er ganz offensichtlich auf das Verhalten des ersten hat – erstmals erwähnt, als sie schon fast in Flammen steht, ist nicht allzu glaubwürdig.
Nun denn, es war trotzdem ein guter Film und ein schöner Abend.
(Andreas)
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4 Kommentare:
Aber warum ist der "Twist" so schal verglichen mit dem "very specific film" des "very specific director", wie Peter Brashaw im Guardian schrieb? (http://www.theguardian.com/film/2014/aug/31/goodbye-mommy-hello-chilly-austrian-matricide-horror-venice-review)
Beim "Sixth Sense" fiel mir die Kinnlade runter und hier sag' ich enttäuscht "och nö". Ich wüsste gern den Grund.
Ich vermute zwei Gründe:
Twist in der Sympathiebindung - ja/nein.
Und Darstellung von Objekten, die in der Filmrealität nicht existent sind - ja/nein.
Sixth: nein - nein
Ich seh: ja - ja
A Beautiful Mind: nein - ja
Im einzelnen: Ich meine zu erinnern, dass der Zuschauerin die Geschichte aus der Sicht des unwissenden Bruce Willis zuteil wird. Dessen Überraschung, als ihm klar wird, dass er schon tot ist, ist 1:1 und im selben Moment auch die der Zuschauerin. An der Sympathiebindung ändert der Twist also nichts. In "The Sixth Sense" wird wohl auch nichts visualisiert, was in der Film-Realität nicht da ist, die Zuschauer fühlen sich also nicht am Ende betrogen.
In "Ich seh Ich seh" hingegen sind die Jungen bzw. besser: Elias nicht unwissend, daher fühlt sich die Zuschauerin wohl düpiert, weil sie mit den Jungen lange mitfühlte und nun erfahren muss, dass der eine, den sie die ganze Zeit gesehen hat, gar nicht (mehr) existiert. Den Zuschauern wurde also den ganzen Film über Wissen vorenthalten, das alle Figuren aber hatten. Verleugnung und Muttermord tragen ihr Übriges zum Twist in der Sympathiebindung bei.
"The Sixth Sense" kann man mit dem neuen Wissensstand noch mal genauso gucken; bei "Ich seh ich seh" müsste man sich den zweiten Jungen unschönerweise wegdenken (was ich, wie Andreas richtig schreibt, ja an dem Abend auch schon gemacht habe).
Subjekte Wahrnehmung einer Figur muss im Film mit dem notwendigen Kanal Visualität anscheinend sehr sorgfältig konzipiert werden, damit das gelingt.
Hhm. Dass es eine Rolle spielt, dass man beim Sixth Sense gemeinsam mit dem Hauptdarsteller die Überraschung erlebt, das ist plausibel. Vielleicht ist's nur das. Man fühlt sich vielleicht weniger angeschmiert.
Getäuscht wird man bei beiden Filmen visuell, ob dass so einen großen Unterschied ausmacht dass man den nicht existenten Jungen die ganze Zeit gesehen hat, da bin ich mir nicht so sicher. Und einen "Sympathie-Twist" habe ich, ehrlich gesagt, gar nicht wahrgenommen. Die Jungs sind doch eher kontinuierlich zu Monstern geworden, völlig unabhängig von der großen Wende.
Dass bei "A Beautiful Mind" auch so getrickst wird, war mir nicht bekannt. Ich dachte, das sei ein Biopic?!?
Naja, Biopics schließen Trics nicht aus. Wir bekommen auch in " A Beautiful Mind" die Figuren zu sehen, die der schizophrene Protagonist sieht, die - wie wir am Ende erfahren - aber nur in seiner Einbildung existieren. Weiß man das vorab - auch hier hatte ich zuvor den Kniff nach- oder besser: vorgelesen - oder sieht den Film nochmal unter der neuen Maxime, stellt man fest, dass keine der anderen "gesunden" filmrealen Figuren in Interaktion mit den imaginierten Figuren tritt.
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