Freitag, 24. Oktober 2025

I saw the TV glow (Jane Schoenburn, USA 2024)


 

I saw the TV glow, USA 2024

Regie: Jane Schoenbrun, A24

Anwesende: Miriam, Sven, Gunnar, Andreas, Ute, Galia (Mitbewohnerin Fichtestraße), ganz kurz auch Wolfgang (Mitbewohner Fichtestraße), Lisa (Zeigende in besagter Fichtestraße), eine Telko war nicht nötig.

Mein Trans-Sohn Mare hat mich auf die Idee gebracht diesen Film zu zeigen. Ich habe über ihn gehört, dass der Film in der Trans-Community gefeiert wird. Bewusst, vielleicht auch aus Angst, der Film könnte deshalb abgelehnt werden, habe ich vorher nichts vom Transthema gesagt. Nur Gunnar und Galia wusste davon. 

Der Film wird unter Horror / Fantasy gelabelt. Das ist absurd, beängstigend ist der Film allerdings schon.

Es ist ein Coming-of-Age-Drama, dass in den 1990ern spielt. Im Mittelpunkt der Afroamerikaner Owen. Ebenfalls nicht unwichtig: Maddy. Beide sind Außenseiter und haben wenige Freunde. Maddy führt Owen an die Fernsehserie "The Pink Opaque" heran, die an "Buffy the Vampire Slayer" erinnert. Sidekick: Die Mutter des Schulkameraden, den Owen als Übernachtungfreund angibt, um heimlich mit Maddy die Serie schauen zu können, wird von der Schauspielerin gespielt, die bei Buffy Tara spielt. In "The Pink Opaque" spielen zwei Mädchen die Hauptrolle, die sich in einem Sommer-Camp kennenlernen, ihre Superpower entdecken und fortan, dass ultimativ Böse und seine Auswüchse bekämpfen. Der Oberschuft ist Mr. Melancholy. Maddy steht auf Tara, Owen ist mehr von Isabel fasziniert. Irgendwann verschwindet Maddy plötzlich, in der Serie wird Isabel lebendig begraben und danach verschwindet auch die Serie aus Owens Leben. 

Nach einiger Zeit taucht Maddy (sie/er hat jetzt einen anderen Namen, aber der wird nicht genannt. Die Zuschauenden wissen auch nicht genau, ob Maddy männlich oder weiblich ist) wieder auf und will mit Owen fliehen. 

Es gibt verschiedene Zeitsprünge während des Films. In dem letzten ist Owen bereits über 30 Jahre alt, arbeitet in einem Freizeitpark und Mr. Melancholy ist ihm auf den Fersen. Dort spielt auch eine letzte unglaubliche Szene.

 

Der Film hatte seine Premiere auf dem Sundance-Festival, Januar 2024, und wurde verglichen mit Filmen u.a. von David Lynch (die Assoziation hatten wir auch).

Mich hat der Film extrem mitgenommen, offen gestanden konnte ich vor Ort nicht sagen, wie sehr. Ich habe so viel mehr verstanden, von er Angst sich zu outen, der Welt zu zeigen, wer man ist, sich selbst einzugestehen, dass man anders ist. Was das für ein unfassbar erschütterndes Gefühl sein muss. Das hat mich zutiefst bewegt. Miriam und Sven, anfangs auch Andreas fanden den Film ganz schlimm. Ich glaube Miriam sagte etwas wie: "Schlechtester Film ever". (Kritiken zu dem Film sind ähnlich ambivalent und schwanken zwischen sehr euphorisch und extrem ablehnend.) Ute und Galia waren nicht begeistert, konnten aber, wenn ich mich richtig erinnere, dann doch verstehen, was den Film so besonders macht. Vor allem Ute hat den Film auch als eine Allegorie fürs Erwachsenwerden gelesen. 

Nachdem Gunnar und ich den Transbezug erwähnten, schämte sich Andreas ein wenig, dass er dass nicht selbst erkannt habe. Ich kann nachvollziehen, dass man nicht alleine darauf kommt, wenn man keinerlei Berührungspunkte zu dem Thema hat. Sven und Miriam konnten leider auch nachdem deutlich wurde, dass es sich um eine Transmetapher handelt, dem Film nichts abgewinnen. Sie sahen auch im Nachhinein die Transmetapher nicht.

Im Juni 2024 gab es im New Yorker einen Artikel von Holden Seitlitz über den Film und den/die Autor:in und Regiseur:in. Schoenburn ist eine nonbinäre Person. Der Artikel ist sehr aufschlussreich und greift viele Themen auf, die mir aufgefallen sind und über die wir sprachen. Jö hat ihn netterweise weitergeleitet, ich habe ihn hier verlinkt.

Schoenbrun schrieb das Drehbuch drei Monate nach Beginn einer Hormontherapie. Seitlitz schreibt dazu: "They (Schoenburn) told the crowd (auf dem Sundance Festival) that the script had been written amid the “overwhelming calamity” of coming out as transgender, and grieving the life they had been building for the previous thirtyfive years."

Besonders gut finde ich, dass er das Thema "Transition" niemals direkt anspricht. Im New Yorker heißt es dazu: "Schoenbrun was careful to avoid the conventional images, tropes, and gestures associated with transness—plotlines that necessarily end in murder or assault, clinical sex changes, “coming out” exchanges. Though there have always been gems on the fringes, the trans cinema that reaches the mainstream comes disproportionately from cisgender directors and often portrays truncated lives in which suffering is inevitable. (...) Schoenbrun takes a more allegorical approach—one in which transitioning means entering adifferent plane of reality altogether."

Die Spannung des Filmes baut sich um den sogenannten egg-crack ("community slang for the moment a person realizes they are trans") herum auf.

Der Schriftzug auf der Straße: "There ist still time". Der Sturz in den Röhrenfernseher. Die Szene im Freizeitpark. Die Rolle des Vaters. Das Glühen, dass im Laufe des Filmes immer weniger wird, dafür wird es immer grauer. Der Film hat viele interessante Aspekte. Wer den Film noch nicht gesehen hat: Schaut ihn euch an, er ist absolut sehenswert. Glaubt mir, nicht Miriam und Sven :-)) Bildet euch ein eigenes Urteil und schreibt einen Kommentar.


2 Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Vielen Dank für den sehr gelungenen Eintrag. Kleine Korrektur: Ich fand den Film zu keinem Zeitpunkt schrecklich. Tatsächlich hat er mir recht gut gefallen, ich habe ihn aber eben nur als nicht besonders tiefschürfendes Horror/Fantasy-Stück mit Schwerpunkt TV/Medien-Einfluss gesehen.

Gunnar hat gesagt…

Ambivalent sind die Nutzerbewertungen und -kommentare bei IMDb und RT, weshalb TV Glow da auf entsprechend niedrige Durchschnittswerte kommt. Der Kritikerspiegel Metacritic verzeichnet dagegen „universal acclaim“, ein „Must-See“. Und wenn man da bis nach ganz unten scrollt, zu den wenigen eher mauen Kritiken und in die reinliest, dann sind die auch noch voller Respekt für Schoenbruns Film. Kritikpunkte sind etwa, dass man sich einfach nicht gut fühlt danach oder dass er/sie sich zu stark von Lynch und Cronenberg habe beeinflussen lassen.
TV Glow hat es sogar auf Anhieb ins Mittelfeld der aktuellen großen Meta-Liste der 1000 besten Filme des 21. Jahrhunderts von TSPDT geschafft…