Freitag, 9. Mai 2025

Boy (Japan 1969, Nagisa Oshima)

Mich hinterließ der Film zunächst ratlos – einiges musste ich erstmal verarbeiten; von Oshima hatte ich in meiner Hochphase des Nur-noch-japanische-Filme-gucken-wollens vor allem seine 60-Jahre-Filme gesehen, aber nicht alle. Auch sind nicht alle in der Mediathek. „Boy“ stand auf meiner To-Watch-Liste, über den Anfang mit seinen tollen Farben war ich nicht hinausgekommen, umso schöner, dass wir ihn nun in einer VVC-Runde mit Ute, ABo, Miriam, Andreas, Sven, Gunnar und Lisa, Silke und Papa Horst gemeinsam gesehen haben. Die Resonanz in der Abschlusstelko zu Oshimas, wie ich mittlerweile gelernt habe, 14. Spielfilm war überwiegend positiv und begeistert. 

Zur Erinnerung: „Der Junge“ ist 10 Jahre alt und lebt in einer Familie aus Stiefmutter, Vater und kleinem Bruder. Mutter und Vater lernen ihn an, den Lebensunterhalt mitzubestreiten, für den Mutter und Kind sich abwechselnd von Autos anfahren lassen, um den peinlich berührten Fahrern jeweils, unterstützt vom Vater, Schadensersatz in bar zahlen zu lassen. Dabei wird der Junge häufig von den Eltern herabgesetzt; er läuft weg; ist aber ohne Erklärung auch wieder zurück; die Familie lebt nomadisch vom Süden bis in den Norden, sei aber aus der Nähe von Kochi; eine besondere Beziehung entsteht zwischen der Stiefmutter und ihm; zum Ende hin verursacht das Kleinkind einen Unfall mit tödlichem Ausgang und bald haben die kriminellen Aktivitäten auch ein Ende. Es waren wohl diese trostlosen Umstände, die mich nach Filmende erstmal wie vor den Kopf gestoßen fühlen ließen.

Formal beeindruckend wandern die Kameraeinstellungen von Totalen zu sehr nahen Nahaufnahmen. Vieles davon wird in diesem kurzen Online-Essay auf Senses of Cinema behandelt – unter anderem auch die Weglauf-Sequenz, deren Ende überhaupt nicht dargestellt wird. Offensichtlich wird eher, denke ich, dass es keine psychologische Erklärungen zu den Verhalten der Figuren gibt. Man weiß nicht wie der Junge sich fühlt, welche Motivationen ihn bewegen zu seinen Großeltern fahren zu wollen – wir aus Zuschauende können es uns eventuell erklären. Es bleibt eine Distanz der Figuren im Film zueinander und des Films zu uns, die wir uns dann auch das Ende nicht erklären konnten. 

Die Abschlusstelko dauerte lang, wir sprachen über viele Aspekte: das Gefühl der Trostlosigkeit; den tollen Jungen-Schauspieler, Tetsuo Abe (aus einem Waisenheim gecastet ohne weitere Filmographie); die formalen Brüche durch Farb- und (eingefärbte) Schwarzweißsequenzen; die Landschaftsaufnahmen; den mitdargestellten Nationalismus der Nachkriegsgesellschaft, die Subjektivität der Darstellung, bei der häufig nicht gezeigt wird, was der Junge sieht, während man ihn sieht; das ganze Spektrum von Theaterhaftigkeit, über Außenaufnahmen bis hin zu pseudo-dokumentarischen Standbildern. Ich dachte über so einen Generationenkonflikt nach, der für mich in dem Film mitklingt: als der Vater sich wütend beschwert, dass man ihn herabwürdige, wo er doch den Krieg erlebt habe. In dem oben genannten Essay wird das als „a dialectical generational tension“ bezeichnet, in der sich der Junge befände, „caught between his own and his father’s generation in a struggle that was so important to Oshima and his contemporaries in the turbulent, politicised 1960s.”

Dies ist nicht der erste Oshima im Video Club: 2008 zeigte Andreas Oshimas zweiten Spielfilm, „Nackte Jugend“. Der Regisseur ist bekannt für „Im Reich der Sinne“ und wir kannten fast alle „Goodbye Mr. Lawrence“. In der weiblichen Hauptrolle sahen wir Akiko Koyama, die Oshimas Ehefrau war und ebenfalls in unter anderem „Reich der Sinne“ mitwirkte. Die Rolle des Vaters hatte Fumio Watanabe, der auch in „Nackte Jugend“ und dem Ozu-Film „Spätherbst“ (Late Autumn) mitspielte. Die Filmmusik komponierte Hikaru Hayashi, der neben Opern, Orchester und Kammermusikwerken, auch die Soundtracks mehrerer anderer Oshima-Filme schuf (und für Kaneto Shindos „Onibaba“ und „The Naked Island“).

Das war’s 



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