Zu Besuch in mein Berliner Penthouse kamen Maren und Tilmann; in Hamburg trafen sich Larissa, Alex, Silke und Gunnar. ABo hatte noch Bügelei an der Backe und war deshalb nicht so recht bei der Sache. Die Dreiecksliebesgeschichte unter diversen gescheiterten Existenzen kam in Hamburg schlechter weg als in Berlin. Ich habe das Gemaule über schlechtes Licht und überhaupt Allem gleich als unbotmäßiges Gemecker verdrängt. Besser ist mir Tilmanns Bemerkung über das Europäische an diesem Film in Erinnerung: Szenarien in heruntergekommenen Pariser Mega-Wohnungen gibt es so nicht mehr. Dort hingen unglaublich viele Filmplakate, was die Intertextualität geradezu aufdrängte. Überhaupt gab es Filmdreh im Film, Theater im Film, Porno-Fotosessions im Film. Kameras, Lichter, Bühnen; Hauptdarsteller (Fabio Testi) aus echtem Zorro-Film („Zorros Rache“, 1969) trifft fiktiven Sammler von Zorro-Filmposter. Silke bemerkte, dass es wahrscheinlich noch viel mehr Bezüge gab, die wir nicht bemerken und nur ahnen konnten. Es schien eine Anspielung auf Godards Le Mépris zu geben. Tilmann: alles spielte in Innenräumen. Gunnar merkte den eigentümlich Geräusche-Soundtrack an.
Romy Schneider ist eine gescheiterte Schauspielerin, die beim Porno angekommen ist. Sie ist verheiratet mit Jacques Dutronc, der habe sie ominös gerettet. Ihre Ehe besteht seit sechs Jahren, sie wird aber – wie sich mit der Zeit herausstellt – nicht mehr „vollzogen“. Gleich zu Beginn fotografiert Fabio Testi die abgetakelte Romy bei der Arbeit für irgendeinen Pornografenmafioso, ist sofort verknallt und baggert die Dame in Folge schamlos an. Da sie nicht so ex-und-hopp vögeln will, ist der Herr geknickt und sucht Rat bei einem Freund, dem er zuvor die Frau ausgespannt hat. Der bringt ihn auf die Idee, Geld kann alles regeln, und da Schauspieler*innen geil auf Bühne sind, soll er doch was finanzieren. Macht er auch, mit weiteren Schulden bei Pornomafioso, weshalb er weiter Pornofotos machen muss. Das führt dazu, dass immer wieder nackte Menschen zu sehen sind, die, unter anderem, ficken. (Das aber können die Hauptfiguren nicht, was ein Problem in der Dreiecksbeziehung darstellt.) Romy derweil fängt also beim Theater an, wo auch Klaus Kinski engagiert ist: als Richard III, dem bösen Krüppel von Shakespeare. Natürlich geht alles schief, am Ende gibt es Selbstmord und andere Gemeinheiten.
Klaus Kinski schrieb in seinen Memoiren von dem „intellektuellen Żuławski-Gewichse“. Im Kinski-Heyne-Filmbibliothek-Büchlein von Philippe Setbon steht dagegen, er hätte die Zusammenarbeit mit Żuławski geschätzt. Romy wiederum fand den Dreh anstrengend und schrieb: Liebes Tagebuch, „Verfluchter Film! Verfluchter Dreh! Verfluchte Rolle! Verfluchter Żuławski!“ In unserer Runde merkte Larissa, die wunderbare Szene zwischen Klaus und Romy, bei der er sie zärtlich umarmt, küsst und damit zum Weitermachen bringt. Sie seien doch alle gescheiterte Schauspieler bei diesem Engagement, sagt er irgendwann. Ebenso schien uns, dass gerade die beiden sich selbst spielten. Aber vielleicht liegt die Sache doch so, dass Żuławski ein Genie war, genau diese beiden für diese Rollen zu besetzen.
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Mich begeisterte die ständige Bewegung der Figuren. Zum Teil verzerrte die Kamera-Optik bei Nahaufnahmen die Gesichter leicht fischaugenhaft und den Hintergrund stark. Im Hintergrund passiert immer was. Es treten Nebenfiguren auf, die niemandem vorgestellt werden (die Typen, von den Jacques die Filmfotos kauft) Gespräche entwickelten sich unvorhersehbar. Der Buchhändlerfreund wandert durch seine mit Buchregalen geradezu tapezierten Räume, und steigt schließlich auf einen Tisch; Kinski, frustriert über schlechte Theaterkritiken fängt im Restaurant Streit mit Fremden an und wandert nach vollzogener Keilerei mit zwei aufgetakelten Schönen davon, um am Morgen, von den zwei nackten Frauen umgeben, ebenfalls nackt zum Fenster zu wanken, und heult. Nie passiert, was man erwartet. Jedenfalls ging mir das so. Das Ende schließt mit dem Anfang unter veränderten Vorzeichen.
Bei Wiki ist zu lesen, das Lexikon des internationalen Films habe „Nachtblende“ stellenweise unfreiwillig komisch gefunden. Man kann ihn einfach ausmachen, weil er nervt, oder wie Kinski das Ganze als prätentiöse Wichserei abtun. Oder doch so:
In „Romy Schneider: Film für Film“ ist zu lesen, dass „Nachtblende“ überschwänglich aufgenommen wurde, dass Schneider mit ihm „den Zenit ihrer Karriere erreichte“ und dass sie für ihre Rolle der Nadine ihren ersten César als beste Schauspielerin erhielt.
Über Żuławski steht im Romy-Buch: „Bisher hat er nur zwei Filme in Polen gedreht […] Seine Regie ist expressionistisch und grenzgängerisch. Der Filmemacher schafft Dostojewski-artige Helden und bietet Romy Schneider die Gelegenheit, ihre tief reichenden Brüche zu offenbaren“ und später: „Alle Beteiligten behalten diese Dreharbeiten als extrem anstrengend in Erinnerung, wie einen schwierigen Kampf.“
Jö


9 Kommentare:
Toll. Mir gefällt der Blog-Eintrag besser als der Film. Und der Film gefällt mir nach Lesen des Blog-Eintrags besser als frisch nach dem Gucken.
Sven Safarow über Film und Vorlage
Mit Possession (1981), dem wahnsinnigen Berlinfilm, den Zulawski sechs Jahre später machte, hat sich der Regisseur neu erfunden, gleichzeitig aber auch selbst überholt. Possession ist der ultimative Beziehungsfilm, der alle vorherigen Beziehungsfilme negiert, sie lächerlich macht; der ultimative Schauspielerfilm, der seinen Akteuren alles abverlangt, sie zerstört, neu zusammensetzt, wieder verwirft, ironisiert, hysterisiert und zum Abschuss freigibt; ein Film, der versucht, sein Korsett zu sprengen und nicht merkt, dass dieses Korsett gar nicht existiert. Denn Possession zeugt von ultimativer künstlerischer Freiheit. Und diese kann mitunter zerstörerisch sein, sich selbst auslöschend, während Grenzen einen anspornen, herausfordern können und zur ständigen Bewegung zwingen.
Nicht jeder ist geschaffen für die Freiheit. Für Filmemacher wie Woody Allen, Martin Scorsese, Quentin Tarantino wurde sie zur Falle. Für Andere ist sie Antrieb. In der Filmografie von Andrzej Zulawski war die künstlerische Freiheit ein Privileg, das er ungefähr jeden zweiten Film hatte und es auch auszuschlachten vermochte. Auf Trzecia częśc nocy (1971) folgte der rasende Diabel (1972). Auf L’important c’est d’aimer folgte der endgültige Possession. Für mich ist Zulawski in seinen (verhältnismäßig) kommerziellen, weniger freien Filme der interessantere Filmemacher und zwar aufgrund der Entscheidungen, die er innerhalb seiner Unfreiheiten trifft. Er hat viel an L’important c’est d’aimer auszusetzen gehabt, sei es die Besetzung von Fabio Testi, der Titel oder der eigentliche Stoff. Er tat den Film oft als „bürgerliches Drama“ ab. Doch wenn man einen genaueren Blick auf die Vorlage wirft, Christopher Franks Roman Nachtblende (im Original: „La nuit américaine“), erkennt man, was für radikale Entscheidungen Zulawski getroffen hat, wie er sich den Stoff zu eigen gemacht hat, ihn transformiert hat. Seine Adaption verhält sich zu Franks Roman wie Possession zu La Boum (1980).
Christopher Frank arbeitete in London als Beleuchter und später als Regieassistent beim Royal Court Theatre in London. Dann ging er nach Frankreich, wo er für eine Pariser Fotoagentur arbeitete. Er kannte also sowohl die Welt des Theaters wie der Fotografie. So handelt sein Roman vom jungen Fotografen Servais Mont, der sich in eine Schauspielerin verliebt, der er (unter Pseudonym) ein Theaterstück auf den Leib schreibt und ihr damit die stagnierende Karriere wieder ankurbelt. Servais ist ein Tausendsassa, treibt sich gerne in zwielichtigen Clubs herum, fotografiert angehende Sternchen (gerne nackt), nimmt aber auch spektakuläre Aufträge an, wie ein Erdbeben in Chile und dessen Opfer zu fotografieren, und rettet einen Mann, der sich mit seiner kleinen Tochter und einem Karabiner auf dem Dach eines Hochhauses verschanzt hat. Beliebt bei den Damen ist er auch. Aber das bedeutet ihm natürlich nichts, weil alles, was er will, Nadine Chavalier ist.
Christopher Frank überfrachtet den Roman mit vielen grellen Einfällen und pflegt dabei einen selbstverliebten, manchmal arg geschwätzigen Stil (das Privileg eines 29-jährigen, vor Selbstbewusstsein strotzenden Schriftstellers). Dazu ist Nachtblende bevölkert von vielen unterschiedlichen Charakteren, die vom Ansatz her interessant sind, aber nie zu ende gedacht werden. Kurz, das Buch wirkt, als hätte es kein Lektorat gehabt. Dazu ist es von einer aufgesetzten Coolness, einem Stil, der sich zu sehr in seinem Flanieren durch die prekäre Welt der Schauspieler, Schriftsteller und zahlreicher gesellschaftlicher Randfiguren gefällt. Und selbst wenn Tragödien in diese Welt Einzug halten, wirken die Figuren wie ihr Autor doch seltsam unbeteiligt und entrückt.
Safarow weiter:
Zulawski ist der Ekel vor dieser Selbstzufriedenheit des Erzählers deutlich anzumerken. Er nimmt den Figuren ihre Leichtigkeit, ihre Abgeklärtheit nicht ab. Bei ihm sind sie alle abgehalftert, am Ende. Emotional wie existentiell. Servais Mont (Fabio Testi) ist kein cooler Globetrotter oder Stückeschreiber. Er ist ein Fotograf, der seine Schulden bei der Mafia mit kompromittierenden Fotos abarbeitet; der bei der Mafia einen Kredit aufnimmt, um eine Theateraufführung mit Nadine Chevalier (Romy Schneider) zu finanzieren, für die es vielleicht eine Chance ist, dem Sumpf des Exploitationfilms zu entkommen. Ihr Mann Jacques (Jacques Dutronc), ein von der Außenwelt entkoppelter Depressiver, der sich mit letzter Kraft an seine Filmleidenschaft klammert, begeht Selbstmord und Zulawski erspart ihn uns nicht so wie der Roman, wo Jacques‘ Leiden in einem seichten Nebel der Andeutungen kaum zu erspähen ist. Bis sein Selbstmord übersprungen, überflogen, übergangen wird. Zulawski dagegen hält drauf, zeigt uns die letzten qualvollen Sekunden von Jacques, der eine Überdosis Tabletten geschluckt hat, zeigt uns seinen Leichnam, zeigt uns Servais und Nadine im Leichenschauhaus, der eine voller Unverständnis, die eine voller Trauer, aber beide schuldbeladen.
Alle Figuren, auf die sich Zulawski konzentriert, Servais, Nadine, Jacques, der Schauspieler Karl-Heinz Zimmer (Klaus Kinski), der bittere Schriftsteller Lapade (Michel Robin) bewegen sich stets am Rande des Wahnsinns und Nervenzusammenbruchs, gezeichnet durch zahllose Niederlagen und Tiefschläge. Sie tun, was sie können, für das bisschen Glück, das sie finden und ausbeuten. Sie beuten ihre Emotionen aus, bis nichts mehr übrig bleibt – nur der Wunsch, das ewige schwarze Loch wieder aufzufüllen. Zulawski durchschaut die verklärende Romantik von Christopher Frank und verkehrt sie ins Gegenteil.
Zulawski hatte wahrscheinlich wenig übrig für den Hype um den damals erfolgreichen Roman, dessen Figuren er genüsslich die Masken abriss, mit denen Frank sie ausgestattet hatte. Er konfrontierte die Figuren mit ihrer eigenen Erbärmlichkeit, den Autor mit seiner eigenen Oberflächlichkeit, die Schauspieler mit ihrer eigenen Zerbrechlichkeit und destillierte daraus pure Authentizität, puren Ausdruck. Er musste wohl oft verbrannte Erde am Set hinterlassen haben.
Man lernt sehr viel über den Charakter von Zulawskis Adaption, wenn man das Ende von Buch und Film vergleicht. Bei Frank ist Servais mit einem Bekannten essen, der ihn auf der Rechnung sitzen lässt. Servais kann das Essen nicht bezahlen und landet bei der Polizei. Er ruft Nadine an, die ihn herausholen soll. Die Liebesgeschichte, die sich die ganze Zeit angebahnt hat, wird beginnen. Im Film jedoch trifft Nadine auf Servais in seiner kalten, kargen Wohnung. Er liegt blutend in der Ecke, zugerichtet von seinen alten Mafiafreunden. Eine Szene, bei der selbst die Kopie des Films im Kino, voller Jumpcuts und Verschmutzungen, kaum zusammengehalten wird, stottert und aufschreit, wie kurz vorm Reißen. Gar nicht mal so unpassend. Es ist wichtig zu lieben. Aber schwer auszuhalten.
Der deutsche Titel ist der deutsche Titel der Romanvorlage. Ob "Nachtblende" wohl ein üblicher Begriff für die "amerikanische Nacht" war damals oder freie Erfindung des Übersetzers? Verwirrender wird es, weil George Delerue, der Komponist der Filmmusik von Zulavskis Film, später auch die Musik für Truffauts "Die amerikansche Nacht" gemacht hat.
https://de.wikipedia.org/wiki/Day-for-Night
Habe den Film jetzt nachgeholt und finde ihn sehr gut. Es ist wirklich eine von Romy Schneiders besten Rollen; die Zerbrechlichkeit ihrer Figur ist kaum auszuhalten, vor allem in der ersten Filmhälfte. Ansonsten schließe ich mich Jös tollen Ausführungen voll und ganz an. Und das Licht, das mich ansonsten ja eher nicht interessiert, fand ich diesmal sogar richtig toll.
Wenn das Licht toll ist, dann ist meine Arbeit ganz grundsätzlich in Frage gestellt. Dann ist es idiotisch, sich zu bemühen. Einfach immer auf alles nackte Halogen-Baustellenscheinwerfer mit Schlagschatten von allen Seiten draufknallen, das reicht. Erfordert keine Überlegung, kein Gefühl für Atmosphäre, keine beonderen technischen Kenntnisse oder Mittel.
Einmal interessiere ich mich für die Ausleuchtung, und dann ist es auch wieder nicht recht .. Ich finde halt, dass das, sagen wir: billige Licht bei diesem Film gerade besonders gut passt. Das unterstreicht die allgemeine Schäbigkeit wie auch die Künstlichkeit der Atmosphäre. Wenn alle Filme so aussähen (oder alle deine Fotos), dann wäre das natürlich nicht so toll.
Jedenfalls hatte ich mein Urteil "interessantes Licht" schon vor (Wieder-)Lesen des Blogeintrags und der dortigen Kritik am Licht gefällt, mein diesbezüglicher Hinweis war also keine billige Provokation.
Dass das billige Licht gerade gut passe und die Künstlichkeit unterstrichen werde, könnte ich nachvollziehen, wenn es sich um einen Film von heute handelte, einer Zeit, in der nicht einmal mehr Pornos so beleuchtet werden, es sich also um eine bewusste stilistische Entscheidung handeln muss. Aber in den Siebzigern sah ja so ziemlich jede Fernsehproduktion so aus, von Derrick bis zu Loriot...
Und gut fände ich es trotzdem nicht. Es ist einfach nur schrecklich, wenn das Gesicht von Romy Schneider so erbarmungslos angestrahlt wird.
Lustig jedenfalls, dass der eine findet, das sei ein toller Film, auch wegen des tollen Lichts und der andere meint, das sei ein toller Film, trotz des grässlichen Lichts...
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