Ein VVC mal wieder am 15.7.2022. In der ersten TelKo waren dabei: Maren, Tilmann, Jö, Sven und Larissa sowie in der CSStr. die Vorführerin Silke und ABo.
Regie und Drehbuch von Céline Sciamma, von der Andreas vor kurzem ihren nachfolgenden Film „Petite Maman“ von 2021 gezeigt hat.
Zum Inhalt, basierend auf Wikipedia:
Frankreich im Jahr 1770: Die junge Malerin Marianne (Noémie Merlant) reist von Paris auf eine abgelegene Insel in der Bretagne. Sie hat von einer verwitweten italienischen Gräfin (Valeria Golino, „Lampedusa“) den Auftrag erhalten, ein Porträt deren Tochter Héloïse (Adèle Haenel) anzufertigen. Diese soll mit einem Adeligen in Mailand verheiratet werden. Die Gräfin stammt von dort und freut sich darauf, dorthin dank der Eheschließung dauerhaft zurückzukehren. Das Gemälde soll die Verbindung der beiden Brautleute besiegeln. Die rebellische Héloïse, die nach dem mysteriösen Tod ihrer Schwester – wohl Selbstmord angesichts der arrangierten Ehe – aus dem Konvent geholt wurde, um deren Stelle einzunehmen, möchte aber nicht unbekannt verheiratet werden und weigert sich daher zunächst, Modell zu sitzen.
Mit der Zeit nähern die beiden jungen Frauen sich aber an. Und als die Gräfin für einige Tage verreisen muss, entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen ihnen. Zusammen mit der Hausangestellten Sophie (Luàna Bajrami) leben sie in einer Art 3er-WG auf Augenhöhe. Dazu gehört auch, dass die beiden Sophie zu einer Engelmacherin begleiten. In deren Wohnung, die wegen der sparsamen Beleuchtung höhlenartig wirkt und bevölkert ist von diversen Familienmitgliedern, ergab sich dann für mich die eindrücklichste Szene des Films: Die alte Frau bedeutet Sophie, sich auf die Bettstatt der Familie zwischen die Kinder zu legen, und nimmt hier die Abtreibung vor. Währenddessen rollt sich zu Sophie ein Baby rüber und greift giggelnd nach ihrer Hand. Die verhinderte Mutter lässt sich lächelnd darauf ein und schäkert mit dem kleinen strampelnden Wesen, während die Engelmacherin zwischen Sophies Beinen ihren Job erledigt.
Héloïse fügt sich schließlich trotz der Liebe zu Marianne in die arrangierte Ehe, und Marianne reicht später bei Kunstausstelllungen ihre Bilder unter dem Namen ihres Vaters ein.
Für den Schluss wieder basierend auf Wikipedia:
Marianne kehrt zurück nach Paris. Im Rahmen einer Ausstellung sieht sie einige Jahre später ein Portrait von Héloïse mit (vermutlich) ihrem Kind und einem Buch in der Hand. Ihr Zeigefinger weist im leicht geöffneten Buch auf die Seitenzahl 28. Marianne hatte am Tag vor dem Abschied ein Selbstporträt auf die Seite 28 des Buches, das sie Héloïse gegeben hatte, gemalt. Marianne sieht Héloïse nur noch einmal wieder, allein auf dem Rang sitzend bei einem Orchesterkonzert. Gegeben wird Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, ein Stück, das sie ihr während ihrer gemeinsamen Zeit versuchte, auf einem Cembalo vorzuspielen. Unbemerkt beobachtet Marianne, wie Héloïse von der Musik zu Tränen gerührt ist, gibt sich ihr aber nicht zu erkennen.
Auch der heutige Film von Sciamma gefiel wie „Petite Maman“ zuvor, auch wenn – wie in unserer Runde gewitzelt wurde – „Portrait de la jeune fille en feu“ bestimmt nicht den für Männerdarstellungen modifizierten Bechdel-Test bestehen könne.
Die letzte Szene in ihrer Länge allerdings empfanden viele von uns als doch recht rührselig. Ihr wohnt nach meinem Eindruck aber auch etwas Ambivalentes, Ausgleichendes inne, denn Héloïse hatte Marianne erzählt, dass sie noch nie Musikaufführungen – vielleicht sogar überhaupt Musik – erlebt habe, daher Mariannes Versuch, Héloïse auf dem alten verstimmten Cembalo Vivaldi vorzuspielen. Die Bretagne-Insel bietet atemberaubende Landschaftsszenen am Meer, aber eben keine Kunsterlebnisse und keine jener Annehmlichkeiten, die die Stadt und das Gesellschaftsleben für eine verheiratete Frau eben so bietet.
Die Handlung wird gerahmt mit einer Unterrichtsstunde in Mariannes späteren Leben als Mallehrerin für junge Frauen. Ihr filmtitelgebendes Gemälde „Portrait de la jeune fille en feu“ von Héloïse mit brennendem Kleidersaum am Strand steht an dem Tag im Hintergrund auf einer Staffelei; den Fragen ihrer Schülerinnen deswegen weicht Marianne eher aus. Das Gemälde leitet nun, quasi als Erinnerungsbrücke, die Rückblende der Haupthandlung ein – ein üblicher erzählerischer Kniff. Infolge wird nun also analytisch erzählt; der Spannungsbogen resultiert aus der Frage: Wie ist es wohl zu dem Ergebnis gekommen, das wir schon gesehen haben? Unklar ist, ob Marianne nur für sich selbst erinnert oder ob sie die Geschichte ihren Schülerinnen erzählt – letzteres halte ich aber für unwahrscheinlich wegen der damals herrschenden Gesellschaftskonventionen, die kaum eine lesbische Liebe goutiert hätte.
Nach Mariannes Abreise von der Insel und damit nach Abschluss der Binnenhandlung kehrt der Film zunächst zurück auf die Zeitebene der Unterrichtsstunde. Sciamma erzählt dann noch epiloghaft die beiden Wiederbegegnungen von Marianne mit Héloïse: erst mit der gemalten und dann mit der echten. Wie diese beiden Szenen zeitlich zur Unterrichtsstunde stehen, bleibt unklar – Marianne sieht immer gleich jung aus.
Bis hierhin war Sciamma ohne Voice-over von Marianne ausgekommen. Nun aber erläutert die Protagonistin aus dem Off, was wir sehen. Dies Mittel wird häufig bei gerahmten Handlungen und vor allem bei Literaturverfilmungen aus Not eingesetzt, um den Zuschauenden mitzuteilen, was bildlich nicht zu zeigen ist. Eine erzählerische Krücke also, die als etwas unehrenhaft gilt. Schade, dass Sciamma nicht konsequent darauf verzichtet hat.
Der Start mit der schwierigen Bootsreise und der Landung am Strand schien mir eine unaufdringliche Referenz an „Das Piano“ (1993) von Jane Campion zu sein, und das lange Beobachten des Zeichnens durch die Kamera erinnerte an „Die schöne Querulantin“ (1991) von Jacques Rivette.
Die Darstellerin der Héloïse Adèle Haenel hat bereits im Debütfilm von Sciamma mitgewirkt und war dann länger mit ihr liiert – was in unserer Runde leider schon vor dem Film gespoilert wurde. Fran kann, wenn fran will, „Portrait de la jeune fille en feu“ denn auch als eine Liebeserklärung der Regie an die reale Person der Schauspielerin lesen. Was ja nicht selten ist in der Filmgeschichte.
Ach ja, der Film ist fantasisch gefilmt. Jede Einstellung quasi ein Gemälde. Erinnerte mich oft an die Werke niederländischer Meister, siehe etwa oben die Aufnahme der drei jungen Frauen in der Küche an. Aber auch andere Bezüge zur Kunstgeschichte offenbarten sich, als ich Google anschmiss:
Gunnar hat einen neuen Kommentar zu deinem Post "Portrait de la jeune fille en feu (Frankreich 2019, Céline Sciamma)" hinterlassen:
Danke für den monumentalen Eintrag. Im Salon hieß es, dass es auch Gemecker gab?
Ich fand den Film richtig toll, ohne Abstriche. Auch wie die beiden epiloghaften Szenen zum Schluss mit je einem knappen, nüchternen Satz aus dem Off eingeleitet werden, habe ich nicht als "unehrenhafte" Notlösung empfunden, sondern als ausgesprochen elegant. Passend zu dem trockenen Erzählstil, mit dem die hochemotionale Geschichte so effektvoll erzählt wird.
Die Bezüge zur Kunstgeschichte sind interessant. Dagegen halte ich die vermuteteten Bezüge zum Piano und zur schönen Querulantin für eher abwegig. Es wird in beiden Fällen mit Booten bei Schlechtwetter an ungünstigen Stellen angelegt. Na und? Es werden ja auch in mehreren Filmen Autos geparkt, ohne dass das dann gleich Hommagen sind. Das gleiche gilt für die Portraitsitzungen bei Sciamma und Rivette. Das ist kein so ungewöhnliches Handlungselement, dass man gleich vermuten muss, dass Sciamma sich hat irgendwie inspirieren lassen, finde ich.
Silke, 23.7.2022; rekonstruiert am 31.7.22


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