Freitag, 4. März 2022

Funeral Parade of Roses (Japan 1969, Toshio Matsumoto)

Es ist schwierig zu diesem visuell so komplexen Film einen eher kurzen Eintrag zu schreiben. Bei der Bildersuche stieß ich auf eine Zusammenfassung von randfilm, einem Verein in Kassel: „In seiner aufgebrochenen Struktur ist FUNERAL PARADE OF ROSES ein einzigartiges audio-visuell abstraktes und gleichzeitig explizites, politisches und assoziatives Dokument, das den Geist der 60er Jahre atmet, Japans New Wave begründete und bis heute ein zeitloses, vitales, lebensnahes und modernes Kunstwerk ist.“

Die Geschichte um Eddie, der beliebtesten Queen eines Nachtclubs, interpretiert wohl Ödipus Rex mit Bildexperimenten,  dokumentarisch wirkenden Interview-Einschüben, ironischen Brechungen erotischer Szenen oder philosophisch-poetischer Deklamationen, Streifzüge der Queens durch Kaufhaus und Straßen, Alltäglichkeiten. Mir gefielen die Darstellungen von Zärtlichkeiten, der spielerische Umgang mit sexueller (eher männlicher) Identität, die irgendwie kreisende Erzählstruktur. Die psychedelische Musik, Tanzszenen, ein Beatlesposter, Experimentalfilm-im-Experimentalfilm-Szenen und vieles mehr. Beim Ende und vergleichbaren Schocker-Szenen zwischendrin hab ich lieber nicht so genau hingeguckt.

Toshio Matsumoto (1932-2017) drehte insgesamt nur vier Langfilme: "Funeral Parade of Roses" war der erste, "Demons" folgte 1971 (ein Samurai-Geister-Film), "War at the Age of Sixteen" kam 1973 und dann noch "Dogura Magura" 1988. Dafür aber einige experimentelle Kurzfilme (siehe YouTube). Funeral Parade gilt als wegweisend für queeres Kino; Kubrik ließ sich zu Clockwork Orange davon inspirieren. Dazu mehr in diesem Essay des bfi, auf dessen 100-Jahre-Liste ich den Film fand.

Mich interessierten die eigentümlichen Demonstrationen im Stadtraum – diese zeigen die seinerzeit tatsächlich aktive Künstlergruppe Zero Jigen (Zero Dimension); mehr dazu ist in diesem Aufsatz von Jim O'Rourke (pdf) zu finden, der den Film gut lesbar kontextualisiert. Auf dieser Seite wiederum steht, dass es ritualisierte Anti-Vietnam-Krieg-Proteste seien, und dass sich die Gruppe und der Filmemacher später nicht mehr so gut leiden konnten, nachdem Matsumoto eine wichtige Rolle bei der Osaka Expo einnahm während sich die Künstler gegen die Expo positionierten.

In der Telko wunderten wir uns noch über die häufig eingesetzte Jahrmarkt-Melodie von "O Du lieber Augustin" bei slapstickhaften Szenen. Apropos Telko: in der kleinen Post-Film-Runde besprachen sich Miriam, Rene, Sven und ich. (Resonanz schien mir im großen und ganzen eher positiv bis euphorisch). Mitgeguckt haben auch Maren, Silke und Tilmann sowie Larissa und Andreas, die anfangs dabei waren und zu einem späteren Zeitpunkt weiter gucken wollen.

Noch zu den Schauspielern. Peter / Eddie (Shinnosuke Ikehata) hatte eine Rolle in Kurosawas Ran. Yoshio Tsuchiya, der den Gondo verkörpert, den drogendealenden Barbesitzer, hatte Rollen in vielen Kurosawas, darunter Sieben Samurai, und in Godzillafilmen.

Ist jetzt doch länger geworden.

1 Kommentar:

Gunnar hat gesagt…

Danke für den Eintrag, der prallvoll von Informationen ist. Ich habe offenbar etwas verpasst.Freu' mich aufs Nachholen.