Eher durch Zufall, beim YouTuben, stieß ich letztes Jahr auf František Vláčil, der als einer der 'besten' (was auch immer das heißt) tschechischen Filmemacher aller Zeiten gilt. Da mir sein Hauptwerk "Marketa Lazarova" mit knapp 3 Stunden zu lang war, schaute ich "Das Tal der Bienen", der mich visuell beeindruckte. Da der VC ja besonders gern die Stars und Größen des internationalen Kinos goutiert, schien mir der Erstling von Vláčil eine gute Wahl.
Der Regisseur gilt als tschechische New Wave: in "Holubice" (Die weiße Taube, 1960) ist jede Einstellung komponiert, expressionistische Filmwinkel, starke Schatten, tolles Schwarz-weiß, geometrische Muster bestimmen die Bildsprache. Die Story ist symbolisch aufgeladen. Die weiße Taube, die auf dem Flug von Belgien nach Fehmarn vom Unwetter nach Prag abgetrieben wird, kann als Brücke zwischen West und Ost verstanden werden. Gleichzeitig hilft sie die eingebildete Gehbehinderung eines Jungen zu überwinden; vielleicht schwingt auch etwas Überwindung von verklemmter Sexualität mit? Die Taube gehört einem Mädchen - wer weiß.
Am Abend war die telekomunikativ versammelte Gruppe mit Vorführer Jö und Tilmann in Berlin, Andreas, Miri, Gunnar, Rene, Sven sowie Ute, ABo und Silke in Hamburg geteilter Meinung. Den einen war die Symbolik too much und erzählerisch nicht genug in die starke Bildsprache integriert und langweilig. Die anderen konnten der wiederkehrenden Verknüpfung von Bildelementen innerhalb der Erzählung viel abgewinnen.
Diskutiert wurde außerdem die Rolle der Taube und der Zusammenhang mit Picassos berühmtem Bild. Es gibt eine Picassotaube von 1949; die berühmtere Postertaube ist aber von 1961. Von 1901 ist aber ein auch bekanntes Bild eines "Mädchens mit Taube". Im Film sieht man einem der Protagonisten, dem Maler Martin, beim Malen einer Taube zu: die Einstellung ist möglicherweise von Henri-Georges Clouzots Picasso-Film inspiriert, der die Entstehung von Bildern als Animation zeigte. Es gibt auch Filme von Picasso bei der Arbeit quasi durch eine Glas-Leinwand, von wann die sind, weiß ich nicht. Gibt es bei YouTube.
Die Hauptrolle des Jungen Michal hatte Karel Smyczek, der später als Filmemacher mit "Why?" bekannt wurde: es ging um Fußball Hooligans (Sparta Prag-Fans) in Tschechien. Also was für die Fußball-Halunk*innen im VC.
Ein Teil der Handlung spielte ja auf Fehmarn, was aber wohl nicht dort gedreht wurde (so wurde am Abend spekuliert: Die Schauspieler kamen zum Teil aus Deutschland, nicht aber Susanneken (Kateřina Irmanovová). Einen Alten Mann spielte der in Altona geborene Gustav Püttjer, der u.a. in Langs Niebelungenfilm von 1924 mitschauspielerte, während der Nazizeit offenbar kein Arbeitsverbot hatte (1937 mit Douglas Sirk ["Zu neuen Ufern", o je!], der sich zu der Zeit noch Detlef Sierck nannte) und später in vielen DEFA-Filmen mitwirkte, bevor er 1959 in Ost-Berlin verstarb. Hans-Peter Reinecke, der Ulli spielte, war DDR-TV-Actor von Polizeirufgnaden.
Es wurde noch über "Tausendschönchen" von Věra Chytilová gesprochen, den ich nicht kenne. Gunnar postete in den Chat, dass der Kameramensch der weißen Taube auch an Chytilovás "O něčem jiném (Von etwas anderem)", 1963, mitgearbeitet hatte.
Wie auch immer, das wars
Jö

2 Kommentare:
Besser als der Film gefällt mir dieser tolle und informative Eintrag!
Dem schließe ich mich an.
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