Freitag, 16. Oktober 2020

Wild Berries (Japan 2003, Miwa Nishikawa)

Die Regisseurin Miwa Nishikawa gab mit „Wild Berries“ 2003 ihr Debut. Die Geschichte beginnt zunächst an unterschiedlichen Punkten: eine Familie sitzt beim Frühstück, und ein junger Mann kondoliert emphatisch einer Witwe. Schnell wird klar, dass unter der ruhigen Oberfläche, Schwierigkeiten brodeln. Der Vater verbirgt irgendwelche beruflichen Probleme. Der Großvater ist nicht mehr ganz so gut auf den Beinen und wird von der Mutter mit Unmut gepflegt. Die Tochter bringt ihren Kollegen und Liebesinteresse ins Haus, der zunächst geachtet scheint, aber dann vom Vater nachträglich verachtet wird. Nacheinander zerbröseln die zunächst doch normal erscheinenden familiären Konstrukte.

Die Mutter lässt den Schwiegervater verrecken, auf der Beerdigung taucht ein Mann auf, der dem Vater eine Szene macht und dessen Geldschwierigkeiten offenbart. Ebenfalls auf der Beerdigung begegnet die Tochter ihrem Bruder, wodurch der erwähnte zweite Erzählstrang eingeflochten wird. Der Bruder, 10 Jahre zuvor von dem nun bankrotten Vater aus dem Haus geworfen, verdient sein Geld offenbar mit Diebstahl – er erleichtert bei Beerdigungen die Witwen von den Geldgaben, die bei solchen Anlässen hinterlegt werden.

Nun wird deutlich, dass alle Familienmitglieder eine bestimmte Abgründigkeit mitbringen: jede Gewissheit, die der Geschichte zunächst anzuhaften scheint, wird gedreht: Die Mutter hasste die ganze Familiensituation seit jeher; der Vater war schon lange arbeitslos und hoch verschuldet, ohne dass jemand davon wusste; die Tochter, Lehrerin mit regelmäßigem Gehalt, wird vom Rest plötzlich aufgrund ihrer vermeintlichen Vernunft abgelehnt; der wieder aufgetauchte Sohn scheint plötzlich die Stimme der Vernunft. Wieder drehen sich die Sichtweisen. Vater und Mutter scheinen einig in ihrer Anlehnung der vernünftigen Tochter und sehen im Sohn den Retter vorm Bankrott. Die Tochter wiederum sieht ihn als Gefahr für den Familienzusammenhalt. 

 

Die Wilderdbeeren des Filmtitels erhalten kurz vor Ende eine symbolische Rolle. Die Tochter wirft dem Bruder seinen verlogenen Charakter vor, den sie an früheren falschen Angaben über den Fundort von Wilderdbeeren ausmacht. Sie ist zwar die am positivsten gezeichnete Figur, aber der Schluss legt nah, dass ihre eigene Voreingenommenheit ebenfalls fragwürdig ist.

 

Die Regisseurin erzählt dicht aber ruhig. Ihr realistischer Blick auf das häusliche Leben in japanischen Familien wird zweimal von verlangsamten und bearbeiteten Bildern gebrochen. Während eines Abendessens, bei dem der Freund der Tochter in die Familie eingeführt wird und zum Schluss, bei einer Waldszene. Auf dem Yokohama Film Festival erhielt Nishikawa 2004 den Preis für die beste junge Regisseurin. Seither scheint sie dem Thema der zerfallenden Beziehungen treu geblieben zu sein. So schreibt zumindest das BFI in der Liste der 100 Japanischen Filme, auf der „Wild Berries“ auch zu finden ist. Bevor sie selbst als Regisseurin bekannt wurde, arbeitete sie als Regieassistentin mit Hirokazu Kore-eda zusammen, der diesen Film produzierte. In Kritiken wird die Balance zwischen Komödie und Drama stets positiv hervorgehoben; ebenfalls wird die Abkehr von der traditionell eher positiven Sichtweise von Familie im japanischen Film hervorgehoben. Diverse Blogbeiträge sind schlichtweg enthusiastisch.

 

Im Virtuellen Videoclub mit Andreas, Jö (Gastgeber), Gunnar, Maren, Miriam, Rene, Silke, Sven, Tilmann, fand der offenbar positiven Anklang: sehenswert, aber mit individuellen Abstrichen. Im Blog wurde der 70er-Look kommentiert. Die Frage, ob der Film Anspielungen auf Ingmar Bergmanns Klassiker „Wilde Erdbeeren“ enthalte, wurde nicht erörtert. Gibt es wahrscheinlich nicht. Hübsch war der Soundtrack mit japanischer Soulmusik der Cauliflowers. 

 

Zu den Darsteller*innen: Sei Hiraizumi (der Vater) hatte Rollen bei Kitano und Kore-eda. Hiroyuki Miyasako, der Bruder, ist eigentlich Comedian und war bei „Kamikaze Girls“ dabei, den ich sehr lustig finde. 2019 gab es einen Skandal im Zusammenhang mit den Yakuza. Im Eintrag zu Naoko Otani (die Mutter) bei der japanischen Wikipedia stehen lange Listen. Miho Tsumiki (die Tochter) gab ihr Film-Debut 1990 in „The Cherry Orchard“ (auch bei Plex), 1988 gab sie eine Pop-LP heraus (Promos findet ihr bei Youtube).

7 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Danke x, für den ausführlichen Post in rekordverdächtiger Geschwindigkeit. Zu den Darstellern: Der Ex-Kollege des Vaters ist wirklich der Kitano- (und SABU-) Schauspieler schlechthin, Susumu Terajima heißt er.

Rene hat gesagt…

Ja, toller Eintrag und sooo schnell! Beachtenswert ist doch auch die Klassenzimmer-Szene am Anfang. wo die Lehrerin schon andeutet, dass Lügen doof sind und Entschuldigungen viel besser auch wenn es im Leben manchmal schwierig ist.

Rene hat gesagt…

Wir müssen jetzt nur noch schauen, wie wir an die Musik von Cauliflower kommen :-D
Die fand ich wirklich toll!

Rene hat gesagt…

Youtube hat etwas zu bieten:
https://www.youtube.com/watch?v=JB_TEvst800

Miriam hat gesagt…

Die Lehrerin ist die Tochter...

Silke hat gesagt…

Vielleicht noch die Ergänzung, dass der zunächst gewählte Film aus technischen Gründen abgebrochen wurde („Onibaba“, Japan 1964).

Rene hat gesagt…

Vielleicht war die Tochter auch die Lehrerin...