Freitag, 21. Februar 2020

Northern Soul (2014)

Bei Gunnar waren Miriam, Silke und Sven.

Als Vorspiel des kollektiven, von Silke initiierten, Besuchs der "Soul Seven" genannten Tanzveranstaltung im Nochtspeicher am folgenden Abend gab es  als Vorfilm "Make it Soul", einen kurzen französischen Animationsfilm über die von James Brown inszenierte Entkrönung des King of Soul, Solomon Burke und als Hauptfilm "Northern Soul", einen britischen Film von 2014 über die gleichnamige Szene Mitte der Siebziger in Nordengland.



Der knallbunte 2D-Anmationsfilm erzählt eine Anekdote, von der ich am Abend behauptet habe, das sie auf bekannten Tatsachen beruhe. Tatsächlich war sie mir aus Peter Guralnicks Buch "Sweet Soul Music" bekannt. Da gibt Guralnick allerdings nur wieder, was ihm Solomon Burke erzählt hat, wie ich jetzt festgestellt habe. Weitere Belege für den geschilderten Vorfall scheint es nicht zu geben. Wie wahr das Ganze ist, bleibt also zweifelhaft. Die Darstellung aus Sicht Burkes im Buch hat einen deutlich anderen Tonfall als der Film (für eine lesbare Darstellung anklicken):

https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEhdVRTTCdaE1788Wm1GnMS9XiGoc8nlio1yhtPjilkdmO7oXpvHkv3iZ91DAucV1lINTIX614CnVLQhwzHt-etToRA04Jz-y-bdt0-QxU7kE4Qx47_UiAyFZKxOBepTmKazspsWlhRvTL-C/s1600/Guralnick.jpg

"Northern Soul" ist ein Herzensprojekt der Modefotografin Elaine Constantine, die ungefähr so alt ist wie wir (Jahrgang 1965) und somit ein paar Jahre zu spät dran war, um selbst die entscheidenden frühen Jahre der Northern-Soul-Szene mitzubekommen, die aber in Lancashire aufgewachsen ist und aktiv die Zeit erlebt hat, als das Ganze zu einem überregionalen Phänomen angewachsen ist. (Das Jahr, in dem Northern Soul schließlich auch die Hansestadt Hamburg erreicht hat, war übrigens 1983. Neun Jahre hat es gedauert. 1983 hat Leif Nüske den damaligen Kir-Betreiber Clemens Grün zum ersten Soul Allnighter überredet.)



In diesem Artikel im Guardian erzählt Constantine, dass sie ursprünglich schon vor vielen Jahren eine Doku machen wollte, aber dass das Problem war, dass die Szene da schon "leider nicht mehr so sexy" war. Die einst drahtigen Kerls und Dancing Girls waren halt alle schon 30 bis 40 Jahre alt. Und so enstand die Idee stattdessen die Mittsiebziger in einem Spielfilm wiederauferstehen zu lassen. Das hat dann allerdings noch ein Weilchen gedauert, bis das möglich war.

Als Vorbereitung fürs Drehbuchschreiben hat sie wochenlang auf der Online-Plattform Writers Boot Camp trainiert und das merkt man dem fertigen Film leider ein bisschen an: Die Handlung ist arg konventionell und schematisch, da wird vom dem Auf und Ab einer Jungsfreundschaft erzählt und von der Entwicklung der  Hauptfigur vom uncoolen Nerd zum hippen Lad und ein bisschen Liebe und Verbrechen gibt's auch, aber das hat uns alle nicht sonderlich gestört, glaube ich, weil die Beschreibung der harschen Realität der Siebziger-Jahre-Provinzstadt irgendwo in Lancas- oder Yorkshire und vor allem die Beschreibung der Northern-Soul-Kultur so genau und richtig und detailverliebt und glaubwürdig ist, dass die Schwächen des Plots das Vergnügen nicht trüben. Die Klamotten, die Platten, die Tanzschritte – man merkt, dass das einfach alles stimmt und sitzt und wahrscheinlich ist es ein Glücksfall, dass Constantine von der Mode kommt: Sie hat den richtigen Blick für die Oberfläche, die so gar nicht glitzert.

Mit ausgesprochener Sorgfalt wurde auch die Auswahl der Musik getroffen: Statt auf die naheliegenden Northern-Soul-Hits zu setzen, gelingt es dem Film genau wie den portraitierten frühen DJs mit ausgesprochenen Knallern zu überraschen, die vorher zum größeren Teil noch nirgendwo auf irgendwelchen Compilations veröffentlicht wurden. Hier noch einmal der großartige Covered Up Hit, den die Jungs durch Zufall indentifizieren können:


Und noch zwei Links: Zum einen zum deutschsprachigen Wiki-Artikel über Northern Soul, der erfreulich umfang- wie kenntnisreich ist und zum anderen zu einem lesenswerten Vice-Interview mit Elaine Constantine: "But if you think about it, what’s not to like about Northern Soul? I was listening to the radio the other day and there’s this guy singing, ‘I think I want to marry you.‘ And I just thought, Why the fucking hell do you think that? Why even write about it if you only think that? Then you put a record on by someone like Johnny McCaul, from the Northern Soul vault, and it says stuff like, ‘I'd like to hold you tight / baby you're my guiding light / like holding on to my last thread of life / scald my hand to make me understand I need you.‘ I mean, there are fucking lyrics like this out there and people want to listen to that Bruno Mars shit. I mean, ‘I think I want to marry you‘? How long did it take the guy to come up with that line? If you only think it, then why mention it? Why even write it in a record?"

Johnny McCaul:

6 Kommentare:

Andreas hat gesagt…

Hm, interessant. Vor allem, dass Du, Gunnar, in der Lage bist, solch einem Film (also einem Spielfilm über ein Jugendkulturphänomen der letzten Jahrzehnte mit fiktiver Handlung, üblicherweise auch "Pest" genannt) gegenüber so viel Wohlwollen zu empfinden. Meine ich jetzt nicht als Kritik, aber es überrascht mich wirklich. Muss mir den Streifen wohl wirklich anschauen, um mir eine eigene Meinung zu empfinden. Ach, und was wurde eigentlich aus Deinen musikalischen Vorbehalten gegen Northern Soul?

Gunnar hat gesagt…

Och, gegen Quadrophenia hatte ich auch noch nie etwas. Gibt halt sone und solche. Hätte auch schrecklich werden können. Welche musikalischen Vorbehalte? Obskurität über alles ist kein gutes Prinzip, aber dass es auf den kleinen Labeln ganz wunderbare Entdeckungen zu machen gibt, habe ich nie bestritten. Schade, dass du nicht da warst!

Miriam hat gesagt…

Dem kann ich nur zustimmen. Schade, dass Du nicht da warst, Andreas!

Gunnar hat gesagt…

Kennt ihr eigentlich den Tanzunterricht von James Brown?
https://www.youtube.com/watch?v=Zdz88MBWomo

Und diesen erstaunlichen Auftritt von Billy Preston?
https://www.youtube.com/watch?v=YBF0SN88WIo

Rene hat gesagt…

Ich dachte, den kenn ich. Hab ich aber mit Soulboy verwechselt:
https://www.imdb.com/title/tt1259227/?ref_=nv_sr_srsg_0
Sehr schön, da weiß ich doch gleich, was ich heute noch nacharbeiten kann. :-D

Silke hat gesagt…

Elaine Constantine hat übrigens 2003 auch das phantastische Video gemacht zu Molokos großartigem „Familiar Feeling“ (Official Video), https://www.youtube.com/watch?v=ABHgpUAv1mk –
eindeutig auch von Northern Soul inspiriert
(the first single from Moloko's final LP 'Statues' reached number 10 in the UK charts. The video was directed by Elaine Constantine who later went on to make the film "Northern Soul" inspired by the same cultural movement as this evocative Moloko promo clip.)