Ausnahmsweise ein Film, den der Gastgeber schon einmal gesehen hat. Das war allerdings auf dem Fernseher im elterlichen Wohnzimmer, 1981. Und wiedersehen wollte ich ihn schon seit vielen Jahren. War lange nicht möglich, da er bei uns nie im Kino gelaufen und nirgendwo je auf DVD, Bluray oder einer Streamingplattform erschienen ist. Wir haben einen Mitschnitt der deutschen Fernsehfassung (mit deutschsprachigem Vor- und Abspann) kombiniert mit dem Originalton und englischen Untertiteln gesehen, gefunden an abgelegenen Stellen des World Wide Web.
Das Filmlexikon:
"Angst, Mord, Misstrauen und Korruption regieren die Welt, die ein Polizist bei seiner Tätigkeit als Leibwächter von Richtern erlebt, die sich mit politischen Verbrechen befassen. Er geht gegen bezahlte Killer in eine geniale Offensive, aber zwei Schüsse aus einem Auto bringen ihn für immer zum Schweigen. Spannender Politthriller mit starken gesellschaftskritischen Bezügen, der die Verfilzung von Politikern, Richtern, Extremisten und Geheimdienst anprangert und eine Welt des Terrors und der Vereinsamung zeichnet."
Fischer Film Almanach:
"Das beherrschen sie die Italiener (und auch die Franzosen): hochpolitische Stoffe so für das Kino aufzubereiten, dass sie wirkungsvoll an den Mann, ans Publikum gebracht werden können. Natürlich darf man von diesen Polit-Thrillern nicht bis ins kleinste Detail stimmende Analysen erwarten. Dennoch ist es erstaunlich, was und wieviel an brisantem Zündstoff, an Berichten über politsche Affären und Skandale und deren Hintergründe und Drahtzieher Rosi, Petri und eben Damiani vermitteln konnten, von "Hände über der Stadt", über den "Fall Mattei" bis zu diesem Film, der von dem kleinen sizilianischen Polizisten Granziano erzählt, der, um sein Auskommen zu finden, nach Rom geht und dort von Terroristen umgebracht wird. Exakter kann man den Inhalt nicht wiedergeben: Damiani erzählt seinen Film so, dass sich die Unsicherheit des Polizisten, der den Überblick verliert und die Zusammenhänge nur noch undeutlich erfassen kann, auch auf den Zuschauer überträgt. Der kleine Polizist wird zur Überwachung eines Richters abkommandiert, der einer Verschwörung von Neofaschisten zum Opfer fällt, die dann, nach undurchsichtigen Intrigen, auch Granziano das Leben kostet. Das Gefühl der Ohnmacht, das er bald hat, wird vom Betrachter geteilt: Damiani entwirft ein Bild von den innenpolitischen Zuständen in seinem Land, das nur noch Angst hinterlässt, so total und bis in die letzten Ecken hinein scheint dieser Staat von seinen Feinden unterwandert und ausgehöhlt – obwohl auch diese Begriffe noch verharmlosen. Der wachsende Terror von rechts ist ja nur möglich, weil er nicht vom Untergrund gedeckt wird, sondern von denen, die ganz oben sitzen. Ein Wunder eigentlich, dass solche Filme in Italien im Kino laufen. Kein Wunder, dass sie dass bei uns nicht tun? Aber wenn sie durch das Fernsehen ein größerers Publikum erreichen, dann sind sie dort auch ganz gut aufgehoben."
Dass der Terror von rechts kommt, war zumindest in der italienischen Fassung keineswegs eindeutig. Da trug eher noch zur weiteren Verunsicherung bei, dass völlig unklar blieb, ob Faschisten oder rote Brigaden hinter den Anschlägen und der Verschwörung stecken.
Hat uns allen gut gefallen. Silke hat sich zwischendurch kritisch über den Gian Maria Volonte in der Hauptrolle geäußert, aber gelobt, dass die Figur so ganz und gar unheldenhaft angelegt sei.



6 Kommentare:
Gian Maria Volontè haben wir übrigens zuletzt in einer Nebenrolle in Zurlinis "La ragazza con la valigia" gesehen. Und der Schwede Erland Josephson, offenbar bekannt vor allem aus Ingmar-Bergman-Filmen, war keineswegs der Killer aus Hamburg, sondern der aufrechte, alte und sehr italienisch wirkende Richter Cancedda...
Beim Lesen des Filmlexikon-Eintrags dachte ich: Wie doof, die spoilern ja, wenn sie verraten, dass der Protagonist am Ende stirbt. Aber dann fiel mir wieder ein, dass Gunnar eingangs lachend festgestellt hatte, das habe er ja noch nie erlebt, dass ein Toter aus dem Off erzähle. Genau, mit dem Attentat auf den Protagonisten hatte der Film ja angefangen! Er ist also quasi eine einzige lange Rückblende, bis er die am Anfang gezeigte Szene und damit die Erzähl-Gegenwart wieder eingeholt hat – Narratologen nennen das "analytisches Erzählen".
Dass die Stimme eines Toten zu Beginn aus dem Off sein Zutodekommen thematisiert, während das Bild seine Leiche zeigt, hat natürlich ein geradezu übermächtiges Vorbild: Billy Wilders "Sunset Boulevard" (1950) - ich nenn den Film immer "Boulevard of Broken Dreams", keine Ahnung warum, passt ja aber auch irgendwie. War ein Skandal bei Erscheinen, dieses Quatschen aus dem Jenseits, denn das gehe ja gar nicht in echt. Einige sehen den Film daher als unzuverlässig erzählt an, andere finden Kommentare aus dem Off prinzipell einfach doof, denn ein Autor solle doch bitte zeigen (showing), und nicht onkelmaßig salbadern (telling).
Vielleicht verzichtet "Io ha paura" nach der Eingangsszene auf die Offstimme, um solche Vorwürfe zu vermeiden. Schade. Ich find ja wie Vetter Søren entweder oder. Und da kann man dann ja schon mal vergessen, dass anfangs das Ende vorweggenommen wurde und die vom Gastgeber zitierten Artikel frei von jedem Spoilervorwurf sind.
Das Film-Attentat auf den Zug soll wohl das reale von Gioia Tauro sein vom Juli 1970. Jedenfalls sehen die Fotos im Netz dazu aus wie die sehr authentisch wirkenden Standfotos im Film von den kreuz und quer stehenden Waggons (s. etwa http://www.strill.it/rubriche/memorie/2014/07/memorie-gioia-tauro-22-luglio-1970-treno-del-sole-il-segreto-che-ancora-rimane-segreto). Bei Interesse mehr unter https://de.wikipedia.org/wiki/Strategie_der_Spannung_(Italien).
Und hier noch der Hinweis auf einen prima Blogeintrag zum Film, der auch auf die damalige "bleierne Zeit" in Italien eingeht: http://bretzelburger.blogspot.de/2009/08/io-ho-paura-ich-habe-angst-1977-damiano.html - der ganze Blog scheint interessant, denn der Autor scheint wie wir italienische Filme aus den 1960er und 1970ern sehr zu schätzen.
Doch doch, die "spoilern" sehr wohl. Finde ich auch völlig o.k., wenn eine lexikalische Handlungszusammenfassung das Ende nicht ausspart. Io ho paura wird jedenfalls streng chronologisch erzählt. Ein völlig anderes Attentat steht am Anfang des Films. Die Kamera hält nacheinander auf die Opfer, die gleichzeitig beide jeweils aus dem Off kurz erzählen, wer sie sind. Der, gegen den der Anschlag gerichtet ist, ist ein Richter, der gerade sein Haus verlassen wollte. Das andere Opfer (im Auto) ist ein Polizist, der zu seinem Schutz abkommandiert wurde. So habe ich das noch nie gesehen, auch nicht in "Sunset Boulevard", wo man ja keineswegs die Leiche dem Zuschauer erklärt, wer sie ist, sondern ein Off-Erzähler alles Mögliche zeigt und dabei verschweigt, dass die Leiche im Pool er selber ist.
Aus der NZZ im Zusammenhang mit aktuellen Anschlägen des IS: "Mehrfach betroffen von Anschlägen rechtsextremer bzw. mafiöser Urheber, die darauf zielten, Staat und Gesellschaft grundsätzlich zu destabilisieren, war die Eisenbahn in Italien. Attacken auf Fernzüge in Gioia Tauro (1970), in San Benedetti Val di Sambro (1974) sowie im Apennin-Basistunnel (1984) forderten zwischen 12 und 17 Menschenleben, und die Zahl der Verletzten betrug zwischen 48 und 267. Noch blutiger war der Anschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna (1980). Hier waren 85 Todesopfer und 200 Verletzte zu beklagen."
Danke für die Richtigstellung. Genau, so war das. Kassiert also all meine Einwände und lässt den Film daher bei mir noch besser abschneiden – anders als die tatsächlich spoilernden Lexika, von denen sich sogar eines unnötig festlegt auf "zwei Schüsse" auf unseren Protagonisten. Und falsch, denn es sind mindestens vier. Wie ein räudiger Hund wird er drive-by abgeknallt, das nimmt einen besonders mit, und ohne jegliche Heldenposen oder filmischen Schnickschnack. Geradezu wie von einem zufälligen Zeugen mit dem Handy aus dem Küchenfenster im 3. Stock gefilmt. Wie aus einem solchen eine weibliche Zeugin zu Tode gestürzt wird, wird ähnlich unprätentiös, und wohl deswegen um so schockierender gezeigt. – Alles zum analytischen Erzählen schaufel ich dann gleich um auf den Film in der Woche davor. :-)
Wegen Wilder: Jetzt ist mir auch wieder klar, warum ich bei "Sunset Boulevard" abgespeichert habe, dass das Publikum "Betrug" schrie, denn dass ihnen eine essentielle Info vorenthalten wird und sie so den Film unter falschen Voraussetzungen sehen, empörte sehr, erschien als Bruch mit bisherigen Erzählkonventionen. In diesem Fall meiner Erinnerung zeigt sich mal wieder, dass der größte unzuverlässige Einflüsterer immer noch das eigene Gedächtnis ist.
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