Ein Film von Hark Bohm, bei Silke mit Ute, Sven und Gunnar (in der Reihenfolge ihres Erscheinens) zum geplanten Film-ab um 21 Uhr. Die herausragendste Leistung dieses Films ist, dass Gunnar endlich den Film mit der "Kopf ab"-Szene gefunden hat, wo dann noch das Blut so schön aus den Halsarterien fountainiert und von der ihm die Klassenkumpels einst beeindruckt berichteten. Wieder ein Rätsel gelöst!
Da imdb nicht so viel hergibt, hier eine Amazon-Kundenrezension eines H.Schwoch mit relevanten Infos, etwa dass der Darsteller des Moritz heute eine Arztpraxis in Hamburg betreibt. Und zwar als "hausärztlicher Internist" in der Waitzstr. 1 in Hamburg-Othmarschen, wie Google verrät. Das Lächeln ist doch eindeutig noch dasselbe ...
Aber jetzt dem H.Schwoch das Wort:"Zwei Jahre nach den Dreharbeiten zu dem Kinoerfolg "Nordsee ist Mordsee" wählte Regisseur Hark Bohm 1977 erneut seine Heimatstadt Hamburg als faszinierende Location für seinen nächsten Film "Moritz, lieber Moritz". Diesmal stand jedoch nicht ein Problemviertel wie Wilhelmsburg im Mittelpunkt, sondern die Wohlhabenenenklave Othmarschen und die nahe gelegene Hafengegend von Altona und St. Pauli.
Moritz Struckmann ist in einer Villa mit unverbaubarem Elbblick aufgewachsen. Der sensible Junge ist fünfzehn Jahre alt und geht nicht nur gerade durch den Höllenschlund der Pubertät, sondern muss auch noch hilflos miterleben, dass das herrschaftliche Anwesen seiner Eltern demnächst verloren gehen wird, denn sein offensichtlich eingeheirateter Vater hat das traditionsreiche Familienunternehmen an die Wand gefahren. Bei einer Pfändung soll sogar Moritz' Musikanlage dran glauben, doch mit einem kleinen Trick sorgt er dafür, dass ihm wenigstens seine Lautsprecherboxen erhalten bleiben.
In der Villa lebt Moritz wie unter einer Käseglocke. Der emotional abwesende Versagerpapa interessiert sich nicht für ihn, seine Mutter ist ein in sinnlosen Konventionen gefangener Stockfisch, und seine sexuell anziehende Tante provoziert ihn ständig mit ihrer halbnackten oder gänzlich hüllenlosen Präsenz.
Moritz ist, wie so viele Halbwüchsige, Opfer und Täter, Masochist und Sadist, unsicher und selbstsicher, liebenswert und arrogant zugleich. Er mag seine zahme Ratte und hasst die auf dem Grundstück herum streunende Katze, die er schließlich aus Rache für deren Mord an der Ratte tötet. Er legt sich zum eigenen Nachteil mit seinem pädagogisch unfähigen Mathematiklehrer an (wer kennt genau solche Lehrer nicht aus seiner eigenen Schulzeit?). Er besucht seine lebensmüde, von einer Krankheit entstellte Großmutter im Altenheim und verzweifelt fast an ihrer ständigen Forderung, ihm Schlafmittel für ihren Suizid zu beschaffen. Er überlebt einen Autounfall wie durch ein Wunder völlig unverletzt und wird später Zeuge, wie eine Frau, mit der er gerade eben noch von seinem Fahrrad aus geflirtet hat, in ihrem Auto ums Leben kommt. Er verliebt sich in eine Mitschülerin, weiß aber nicht recht, wie er mit ihr umgehen soll. Er spielt zwar Saxophon, hat aber keine Ahnung von moderner Musik.
Als er auf St. Pauli einige proletarische Jungs kennenlernt und für ihre Rockband vorspielen soll, kommt es zu wunderbaren Dialogen. Bandmitglied Uwe zum Gitarristen: 'Schumi, spiel' ihm doch mal eine Phrase vor". Dieser schreitet widerwillig zur Tat. Moritz: 'Das war Es-Dur, ich spiel' das aber lieber in As-Dur'. Der Gitarrist mit seiner Gibson Les Paul, wunderbar abschätzig: 'Das war Es-Dur, er spielt es lieber in As-Dur. JAWOHL, HERR DOKTOR!!'. Moritz reagiert verletzt, denn er weiß überhaupt nicht, was er falsch gemacht haben soll. Zwischen ihm und diesen Jungs liegen gesellschaftlich und kulturell ganze Welten.
Nachdem er dann eine kurze Probe seines Könnens abgegeben hat, bricht Uwe in ein zwischen Anerkennung und Herablassung schwankendes Lachen aus und fordert Moritz auf: 'Ey, kannst du da nicht 'n bisschen mehr Groove 'reinbringen?'. Moritz: 'Was 'n das, Groove?'. Daraufhin Uwe: 'Komisch, ich weiß nicht, was Es-Dur ist, und du weißt nicht, was groovy ist!'.
Als er seinen Schwarm Barbara endlich zum ersten Mal geküsst hat, überreicht er ihr eine Einladung zum ersten Gig mit seiner neuen Band. 'Kommst du Sonntag? Wir spielen da", fragt er sie voller Gewissheit, dass sie auch tatsächlich erscheinen wird. Doch sie spielt mit ihm und sagt nur: 'Weiß nicht'. 'Aber du bist doch meine Freundin', begehrt er auf. 'Weiß ich auch nicht', sagt sie. 'Aber wir haben uns doch geküsst!'. 'Na und?'. Lachend steigt sie auf ein Linienschiff und lässt ihn am Anleger stehen. Da verstehe einer die Frauen!
Unabsichtlich rennt Moritz immer wieder gegen Wände und weiß dann gar nicht, wie ihm geschieht. Sein Darsteller Michael Kebschull, den Hark Bohm in einem Hamburger Gymnasium entdeckt hatte, spielte diesen verwirrten Jungen herrlich natürlich, ohne wirklich ein Schauspieler zu sein. Kurz danach trat er noch in einer TV-Verfilmung von Thomas Manns "Die Buddenbrooks" auf und zog sich dann völlig aus dem Filmgeschäft zurück. Heute hat er eine Arztpraxis in Hamburg. Aber für seinen 'Moritz' wird er unvergessen bleiben.
"Moritz, lieber Moritz" erlebte im Februar 1978 bei den Berliner Filmfestspielen seine Premiere. Der Streifen wurde ein noch größerer Kinoerfolg als sein Vorgänger "Nordsee ist Mordsee", obwohl er damals wegen einiger verstörender, von vielen als übertrieben brutal eingeschätzter Sequenzen heftig umstritten war und filmisch wegen seiner zwischen langen Einstellungen und abrupten Übergängen schwankenden Erzählweise nicht vollkommen zu überzeugen vermochte. Hark Bohm arbeitete wohl auch deswegen mit diesen von manchen als etwas schludrig empfundenen Brüchen, um die heftig widerstreitenden Gefühle während der Puberträt zu verdeutlichen. Munter zitierte er zudem cineastische Vorbilder wie Louis Malles Pubertätskomödiendrama "Herzflimmern" (1971) oder - in der imaginären Lehrerfolterszene - Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom" (1975).
Es ist schön, dass diese kleine, aber nicht unbedeutende Filmperle nun endlich als DVD erhältlich ist. [...]
Last, but not least sollte nicht unerwähnt bleiben, dass "Moritz, lieber Moritz" eine der erotischsten Szenen der deutschen Filmgeschichte enthält [Hört, hört, wie Stefan sagen würde]: Nachdem Moritz dem gerade aktuellen Liebhaber seiner bereits erwähnten Tante, wahrscheinlich aus pubertärer Eifersucht, einen üblen Streich gespielt hat, erscheint die Tante in Moritz' Zimmer, greift nach einem auffällig herumliegenden flexiblen Lineal, schnippt dieses ein-, zwei Mal aufreizend in ihre Hand und gibt dem scheinbar schlafenden Bengel dann damit einen saftigen Hieb auf seinen nackten Hintern. 'Das wolltest du ja nur, du Halunke!', gurrt sie beim Verlassen des Raumes. Das beseelte Grinsen in Moritz' Gesicht bestätigt jedes Wort dieser Behauptung seiner Tante. Denn endlich wurde ihm, der wohl für keine seiner kleinen und großen Untaten jemals bestraft worden ist, sein heimlicher Wunsch nach zumimdest einer Andeutung des alltäglichen Erlebens eines 'normalen' Jungen der damaligen Zeit in Form dieser liebevollen kleinen Züchtigungsaktion erfüllt."
[http://www.amazon.de/Moritz-lieber-Zweitausendeins-Edition-Deutscher/
dp/B005Z0AL5E - gesehen 19.3.16, Fettungen von mir, S.L.]
dp/B005Z0AL5E - gesehen 19.3.16, Fettungen von mir, S.L.]

1 Kommentar:
Danke. Hört sich in der Rezension nach einem sehr viel besseren Film an, als wir gesehen haben. Wie kann man (man ist in diesem Falle sowohl H.Schwoch also auch S.Kämper) nur über die dumpfen Klischees, den furchtbaren "groovy" Jazz-Rock von Klaus Doldinger, die gestelzten Dialoge, das ungelenke Schauspiel und vor allem die erschütternd schlechte Inszenierung hinwegsehen?
Trotzdem toll, das mal gesehen zu haben. Nicht nur wegen der Kopf-ab-Fontäne. Sondern auch wegen Hamburg. Vor allem wegen der Szenen in der Kneipe Ecke Buttstraße/Carsten-Rehder-Straße die sich schon ein Jahr nach den Dreharbeiten zum wichtigsten Punkladen (mal abgesehen von der Marktstube) gewandelt hat. Das Krawall.
Freigegeben war der Film ab 12. Kein Wunder, dass die anderen Steppkes auf dem Schulhof so beeindruckt waren. Von Zombie hatten alle gehört. Hatte aber keiner gesehen. In Mortiz lieber Moritz gab's die einzige zugängliche Splatter-Szene weit und breit.
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