Freitag, 12. September 2025

Die Hamburger Krankheit (Bundesrepublik Deutschland 1979, Peter Fleischmann)

 


Vor kurzem bei einem Gespräch, während einer Ausstellungseröffnung, hörte ich von dem Film über die "Hamburger Krankheit", irgendwie ging es um den Peter Fleischmann, der 2021 verstarb, oder über Hamburg, so genau weiß ich es nicht mehr. Bei Nachfragen schien es, dass er im VC noch nicht gezeigt worden war. Die kleine Runde mit ABo, Miriam, Silke und Ute, plus Vorführer Jö kannte den Film jedenfalls noch nicht. 

1979 gedreht ließ er in gewisser Weise den Atem stocken: in so vielen Details scheint hier die Covid19-Pandemie vorab gespielt zu werden. Eine unbekannte Krankheit bricht in Hamburg  aus. Alle müssen geimpft werden, man trägt Masken, Schutzanzüge und Menschen werden am Verlassen der Stadt durch Polizei gehindert. Verursacher werden unter fremdländischen Seeleuten im Hafen vermutet und entsprechend von Ärzten und Polizei aufgesucht. Auch die Laborthese kommt zur Sprache. Und die kuriose Haltung, in die die Sterbenden zusammenkauern, gibt Anlass zu Spekulationen. Die Hauptfiguren des Films: eine Gruppe um einen Bestsellerautoren (über das ewige Leben), eine junge Frau (Wikipedia weiß, eine Prostituierte), einen Händler und einen Rollstuhlfahrer kann zuerst einem Krankenhaus und schließlich der Stadt Hamburg entkommen; zur Pandemiezeit hätte man sie wohl als Querdenker bezeichnet. In Folge werden bei der Weiterfahrt durch die Lüneburger Heide weitere Menschen eingesammelt oder gehen verloren. Einer, der auf ein Dach geflohen war und einer, der einen Wohnwagen von FL (Flensburg) nach FD (Fulda) überführen muss. Eine, die sich als Transsexuelle entpuppt. Zwei Italienerinnen plus ein Baby. Die Reise geht also von Norddeutschland Richtung Süden weiter. Dort finden Demos statt, abgeschlossene Partys. Zum Schluss bleibt vieles offen: man stirbt, die Pandemie ist in West-Deutschland beendet, aber im Ausland breitet sie sich aus. Der deutsche Bundeskanzler sichert diesen Ländern Hilfe zu.

Eingebettet in diese Handlung sind diverse kleine Erzählstränge und sich länger durchziehende Motive. Es schienen Anspielungen an Literatur- und Filmgeschichte mitzuklingen, er wird mit einfachen Mitteln ohne besondere visuelle Spektakel inszeniert, aber das wiederum auf oft durchgeknallte Weise. Panzer und Hubschrauber irrlichtern durch eine Szene. Ein Motorradfahrer scheint kurzfristig, so schien es Silke, zu Charon, den Fährmann zu mutieren. Eine Partyszene erinnerte mich an Edgar Allan Poes König Pest. Vom anfänglichen Gängster-Caper in Tatortmanier wandelt sich der Film zu einem Roadmovie durch die biedere deutsche Gesellschaft. Bis der Wohnwagenanhänger abgegeben wird – danach mutiert er zu einem grotesken Bergfilm mit abschließender Heidi-Assoziation. Aber das Heidi wird dem Öhi von drei Menschen in Schutzanzügen entführt, während der Händler und Pandemiegewinnler, nach Atem ringend den Berg hinauf eilt. 

Schon zu Beginn nimmt die Das-Leben-Verlängern-Thematik eine tragende Rolle ein. Ein gut besuchter Greisenkongress lädt den schönen Bestseller-Professor Sebastian (Helmut Griem) zum Vortrag über das Thema ein. Der bleibt einige Zeit so eine Art Held, wie man ihn aus deutschen 50er-Jahre-Filmen kennt. Er weiß, was zu tun ist, und macht immer das richtige. Das ändert sich abrupt: ewig lebt niemand in diesem Film. Das zweite Thema ist das kapitalistische Gewinnlertum in der Person des Händlers (Ulrich Wildgruber). Zunächst nur Würstchenverkäufer und Vermieter von Prostituiertenwohnungen gelingt es ihm immer wieder, eine neue Rolle einzunehmen. Das dritte Thema vielleicht die heterosexuelle Geschlechterwelt, die immer wieder in der Figur der Ulrike (Carline Seiler) gespiegelt wird. Ist sie naiv, abgebrüht oder wenig empfindsam für die Avancen der geifernden Männer, die immer dann zugrunde gehen, wenn sie ihr die Welt erklären? Andererseits mag sie den Alexander (Rainer Langhans), der ihr aber weg gejägert wird. Ich belasse es hierbei.

In der Gruppe haben wir lange über den Film gesprochen, der im Großen und Ganzen als sehr unterhaltsam aufgefasst wurde. Silke bemängelte zu Beginn eine Inkonsistenz des Drehbuchs, schien später nach unseren langen Diskussionen davon abzurücken, empfand aber doch den Schnitt als ungelenk. Wir haben Locations recherchiert (Kirchgellersen); gewusst, dass die nackte Frau mit Penis Romy Haag war; darüber gelacht, dass Tilo Prückner oft irrsinnige Figuren darstellt; Wildgruber auch in diesem Film mit eigentümlichen Pausen spricht. Und vieles mehr, was aber in die Schattenwelt des Vergessens abdriften wird.

Regisseur Peter Fleischmann (1937–2021) zählt laut Wikipedia zum Neuen Deutschen Kino, und seine Filme tragen so hübsche Titel wie: Jagdszenen aus Niederbayern (1969), Herbst der Gammler (1967), Alexander und das Auto ohne linken Scheinwerfer (1965 Kurzfilm), Begegnung mit Fritz Lang (1964 Kurzfilm), Geschichte einer Sandrose (1961 Kurzfilm) oder Die Eintagsfliege (1957 Kurzfilm).







4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Großartiger Blogeintrag - und das zwischen Pflegeeinsätzen und Reiseplänen, Respekt!

Miriam hat gesagt…

Anonym ist Miriam!

Silke hat gesagt…

Ich schließe mich meiner Vorrednerin an – in Ermangelung einer Emoji-Funktion hier.

Anonym hat gesagt…

Lieber Jö,
auch wenn ich mich wiederhole, ich tue es gern: was für ein großartiger Blog von dir!

Einen Nachtrag kann ich aber noch ergänzen. Silke und ich haben im Nachgang noch diskutiert, in welchem Hörsaal H1 die Greisen Veranstaltung stattgefunden hat. Wenn man die Lage des Hörsaal sowie der Pförtner Loge und überhaupt das Ambiente anguckt, dann kommt tatsächlich H1 im Geomatikum infrage. Mir kam der Hörsaal gleich sehr bekannt vor. Dort hatte ich sowohl meine erste als auch meine letzte Mathematik Vorlesung im Studium.