Freitag, 14. Juli 2023

L'Événement / Das Ereignis / Happening (Frankreich 2021, Regie: Audrey Diwan)


HVC, mit Vorführer ABo, Silke und Andreas bei Silke auf dem Sofa sowie Maren und Miriam an den heimischen Bildschirmen. Gefiel allen sehr gut, bis auf Miriam, die mit der Hauptfigur nichts anfangen konnte.

Zu diesem wunderbaren Film – für mich einer der besten der letzten Jahre – gäbe es sehr viel zu erzählen und zu kommentieren, aber ich möchte in diesem Fall mal nicht dem Vorführer vorgreifen. ABo, wie sieht's aus? Wenn du dir sicher bist, dass du nichts mehr schreiben willst oder kannst, sag Bescheid, dann versuche ich mich mal daran. Wäre wirklich schade, wenn dieser Film nicht angemessen dokumentiert würde. Hier erst mal als Gedächtnisstütze die (unvollständige) Zusammenfassung aus der deutschen Wikipedia:

Frankreich, im Jahr 1963: Die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Anne gilt als aufgeweckte Studentin. Als die junge Frau schwanger wird, gerät ihre vielversprechende Zukunft in Gefahr. Die Abschlussprüfungen stehen bald bevor und ihr Babybauch beginnt zu wachsen. Sie hat die Befürchtung, ihr Universitätsstudium nicht beenden zu können und mit der Geburt eines unehelichen Kindes alles zu verlieren. Mit dem angestrebten akademischen Titel wollte Anne den Zwängen ihrer sozialen Herkunft entfliehen. Sie ist entschlossen, einen Schwangerschaftsabbruch durchführen zu lassen. Allerdings ist im Frankreich der 1960er Jahre eine Abtreibung illegal. Für Anne beginnt ein Spießrutenlauf, der bei einer Entdeckung mit einer Gefängnisstrafe enden könnte.

Und noch ein paar Fotos der hinreißenden Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei in der Rolle der Anne:



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Nachtrag von ABo am 15.10.2023:

Nachdem der Film beim ersten Versuch von Silke vor Wochen noch „not available“ war, kann ich ihn heute zeigen. Bin damals durch einen Kommentar in NDR Info oder DLF Kultur drauf gestoßen, weissnichmehr.

Audrey Diwans Film „Das Ereignis“, Sieger des Goldenen Löwen beim Filmfest Venedig 2022, ist an den autobiographischen Roman von Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux angelehnt. Der illegale Schwangerschaftsabbruch passierte 1963. Das Thema ist immer noch aktuell und wird es u.a. in Good Old America gerade wieder. Unfassbar! Was Amiland angeht, hat es mal jemand auf folgenden Punkt gebracht:
Wenn sich die besorgten, religiösen, fanatischen Bürger mit gleicher Intensität um das geborene Leben kümmern würden wie um das ungeborene, wäre vielen Menschen weeeit mehr geholfen.

Eine Szene ist mir in sehr starker Erinnerung geblieben: Der Amtsarzt, den sie um Hilfe suchend anspricht, verschreibt ihr ein fötusstärkendes Medikament, nennt ihr aber die gegenteilige Wirkung. Sie ist wirklich „lost“.

Mange tak an Andreas für seinen enthusiastischen Blogeintrag oben!


7 Kommentare:

Miriam hat gesagt…

Ich hatte nicht nur ein Problem mit der Hauptdarstellerin (ich fand sie viel zu cool), sondern ich finde auch das Thema schwierig.

Gunnar hat gesagt…

Und warum nun ist der Film so toll, Andreas? Ich hab' ihn noch nicht gesehen. (Und darum die Inhaltsbeschreibungen oben nicht gelesen. Aber die werden die Frage vermutlich nicht beantworten.) Allein daran, dass du die Hauptdarstellerin "hinreißend" findest, wird's nicht liegen.

Gunnar hat gesagt…

Ich hab' ihn jetzt nachgeholt und kann mir die Frage selber beantworten. Die Erzählweise ist toll: Wann und auf welche Weise wir für die Handlung relevante Informationen erhalten. Was oder wer uns gezeigt wird und was oder wer einfach nicht. (Die Auslage ihres Verkaufsstandes. Ein Mann, der nach Feuer fragt.)
Die Darsteller sind toll. Alle. Und ganz besonders Anamaria Vartolomei in der Hauptrolle. Visuell ist er toll, in jeder Hinsicht. Die Zurückhaltung der Regisseurin ist toll, die darauf verzichtet die Emotionen der Zuschauer maximal zu verstärken. Alles zusammen bewirkt, dass der Abtreibungshorror maximal deutlich wird.

Für mich ist's aber trotzdem kein großartiger Film. Weil ich – obwohl ich angestrengt nichts über den Inhalt gelesen habe – alles voraussehen konnte. Und das ist keine Kunst, bei einer Handlung, die sich problemlos in einem Satz zusammenfassen lässt. Sie weiß von Anfang an, was sie will, bzw. was sie nicht will. Daran ändert sich nichts. Die Wochen, die vergehen, werden eingeblendet bis zum schrecklichen Erreichen des Ziels. Selbst das Ende weiß man vorher, schließlich beruht das Ganze auf einem autobiografischen Roman. Die Protagonistin wird da schon einigermaßen heil rauskommen. Das ist eigentlich gar keine Geschichte. Es funktioniert nur, weil der Film so gut gemacht ist.

Richtig gut fand ich, dass es zur Schwangerschaft nicht gekommen ist, weil ein böser Mann, der nur das eine will, die holde Jungfrau mit falschen Versprechen verführt hat, sondern dass nebenbei die Botschaft deutlich wird, dass Sex und Leidenschaft etwas Gutes sind und dass Frauen selbstverständlich genauso Recht darauf haben wie der schöne Feuerwehrmann von nebenan oder die flüchtige Bekanntschaft aus Bordeaux.

Gunnar hat gesagt…

"Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman ist der noch bessere Film zum Thema, finde ich.

Andreas hat gesagt…

Danke für die Zusammenfassung der Vorzüge des Films, Gunnar! Hätte ich mit dem zeitlichen Abstand nicht mehr hinbekommen. Ergänzen möchte ich noch den lässigen Umgang mit dem historischen Background, insbesondere den Verzicht auf die üblichen billigen zeitlichen Verortungen (einschlägige Musikstücke, Nachrichten über bekannte Ereignisse im Radio/Fernsehen etc.). Die Atmosphäre der frühen 60er dürfte trotzdem recht gut getroffen sein, aber eben ohne dass einem das ständig unter die Nase gerieben wird.
Zu deinem Einwand: Mich hat die Vorhersehbarkeit – die sich ja nur auf das Ende bezieht, nicht auf den konkreten Weg dorthin, der bietet ja durchaus einige Überraschungen – nicht im Geringsten gestört. Bei dieser Art Geschichte, die ich mal vereinfachend als Fallstudie bezeichnen würden, geht es doch eiigentlich nicht um ein überraschendes Ende. Aber gut, wenn es einen stört, dann stört es halt. Nur ist mir dann nicht ganz klar, warum "Never Rarely Sometimes Always" aus diesem Grund der bessere Fim sein soll: So wahnsinnig anders und so viel überraschender ist das Ende da doch auch nicht, oder? Ich fand "Never ..." toll, aber so umgehauen wie "L'Événement" hat er mich dann doch nicht.

Gunnar hat gesagt…

Nein, es ging nicht um das Ende. Sondern dass von Anfang an klar ist, dass sie gegen sehr großen Widerstand alles Mögliche probieren wird und dass es immer bedrohlicher und schrecklicher wird. Mehr passiert nicht. In ihr ändert sich nichts. Zwischenmenschlich passiert nichts. Ein Uhrwerk läuft ab.

Audrey Diwan, die Regisseurin (die gerade eine Remake von "Emmanuelle" dreht!) sagt im Interview mit Dominik Kamalzadeh, dass ihr es genau darum ging: kein Drama draus machen.

"Um ein Drama zu vermeiden, muss man vor allem vermeiden, eines zu schreiben. Dafür begleitet man die Figur Schritt für Schritt auf ihrem Weg. Man weiß nicht, was als Nächstes passiert. Es ging darum, in jedem Moment bei ihr zu sein und zu fühlen, was sie fühlt. (...) Wir haben sehr viel an der Idee der Stille gearbeitet. Das Publikum muss Annes Gefühle verstehen, auch wenn sie kaum spricht. Vor dem Dreh haben wir viel über innere Monologe debattiert. Anamaria Vartolomei, die Anne spielt, musste genau wissen, was die Figur gerade denkt. Sie ist nicht nur ein Körper, der sich bewegt. Sie muss ihr Inneres nach außen kehren. Auch der Atem war entscheidend: Emotionen vermitteln sich dadurch. Man kann sie regelrecht hören." (https://www.derstandard.de/story/2000134165952/regisseurin-audrey-diwan-das-ereignis)

Andreas hat gesagt…

Ja, das drückt es präziser aus. Etwas Negatives kann ich darin aber nach wie vor nicht entdecken – also für mich, die Geschmäcker sind da halt verschieden.