Vorführerin Silke mit Tilmann, Miri und Maren in Telko1 des VVC und denselben sowie Andreas in Telko2.
Fotografin Susan Weinblatt versucht beruflich in NYC Fuß zu fassen, geht dabei auf Parties und knutscht rum. Wichtiger als alle Männerbändeleien ist ihr aber ihre Freundschaft zu ihrer Mitbewohnerin Annie. Als die auszieht, um einen Langweiler zu heiraten und sich mit ihm fortzupflanzen, muss Susan sich neu verorten.
Erinnert an Francis Ha? Kein Wunder. Greta Gerwig nennt „Girlfriends“ als einen ihrer Lieblingsfilme. Soll auch Parallelen zu der Serie Girls haben; soll auch kein Zufall sein. Claudia Weill hat sogar bei drei Folgen Regie geführt.
Girlfriends ist ein Indie-Film, finanzierte sich aus grants, wurde aber später von Warner übernommen. Der Film wurde kein kommerzieller Erfolg, Kolleg*innen nahmen ihn aber zur Kenntnis. Als etwa Stanley Kubrick 1980 interviewt wurde von Vicente Molina Foix und nach neuen Namen wie Coppola, Schrader, Spielberg, Scorsese oder DePalma gefragt wurde, antwortete er mit Weill und Girlfriends:
Foix: Are you interested in the new paths or trends within current Hollywood production being tried by people like Coppola, Schrader, Spielberg, Scorsese or DePalma?
Kubrick: I think one of the most interesting Hollywood films, well not Hollywood -- American films -- that I've seen in a long time is Claudia Weill's Girlfriends. That film, I thought, was one of the very rare American films that I would compare with the serious, intelligent, sensitive writing and filmmaking that you find in the best directors in Europe. It wasn't a success, I don't know why; it should have been. Certainly I thought it was a wonderful film. It seemed to make no compromise to the inner truth of the story, you know, the theme and everything else...– The great problem is that the films cost so much now; in America it's almost impossible to make a good film -- which means you have to spend a certain amount of time on it, and have good technicians and good actors -- that aren't very, very expensive. This film that Claudia Weill did, I think she did on an amateur basis; she shot it for about a year, two or three days a week. Of course she had a great advantage, because she had all the time she needed to think about it, to see what she had done. I thought she made the film extremely well. (zitiert nach der englischen Wikipedia)
Der Film der Harvard-Absolventin soll der erste sein in einer langen Reihe von RomComs über junge Frauen in NYC – bis hin zu Sex and the city und Shiva Baby. Er soll sogar quasi die Mutter des feministischen Films sein. Warum immer gleich das f-Word, frage ich mich da? Es geht hier einfach um eine Frau und das Leben aus ihrer Warte; da ist sonst kein politisches Programm. Auch sind die Männer alle ganz einfach Menschen, nicht besser oder schlechter, nicht mehr oder weniger libidogesteuert als Frauen. Das gilt auch für den deutlich älteren Rabbi, gespielt von Eli Wallach, mit dem Susan beinahe eine Affäre beginnt. Peter Bradshaw schreibt über die Figur den berührenden Satz:
There is something exquisitely sad in the rabbi showing up to Suzie’s first exhibition and realising that there is nothing there for him but to offer his fatherly or even grandfatherly congratulations and then leave, almost unnoticed.
Mit Annie gibt es schließlich wieder eine Annäherung, aber es wird nichts wieder, wie es war. Warum auch. Das Leben geht immer weiter geradeaus. Bradshaws Artikel schließt mit den passenden Worten: „Girlfriends is a stylish movie about love and the city.“
Der Film ist inzwischen aufgenommen in die Criterion Collection; die Version stand uns auch auf Plex zur Verfügung. Ich war so neugierig auf mehr von ihr, dass ich tags drauf – Coronainfektion sei Dank – gleich Weills nächsten Film It’s My Turn von 1980 sah: Eine schöne Frau, die nicht nur einen Nachnamen hat, sondern sogar Mathe-Professorin an der Chicagoer Uni ist, bewirbt sich in NYC auf einen besseren Job – und kriegt ihn. Ebenso wie eine tolle Affäre. Ein smarter Seventies-Michael-Douglas mit Bart nimmt sie mit zu einem Baseballspiel mit Veteranen des Sports. Wahrscheinlich wurde die lange, aber ziemlich bezugsfreie Passage integriert, damit der Kinobesuch auch für frauenbegleitende Männer attraktiver wird. Und fällt deswegen und wegen weiterer offenkundiger Kompromisse leider enorm hinter Girlfriends zurück, den man als ungeschliffenen, aber reinen Diamanten dann um so mehr zu schätzen weiß.
Andreas war nicht so angetan von Girlfriends, alle anderen in Telko2 aber schon, wenn ich das recht erinnere.
Zum Weiterlesen und -gucken:
• Interview mit Weill 2017 nach einer Vorführung (youtube).
• Weill selbst 2018 selbst zu ihrem Film (Talkhouse).
• Warum sie keinen weiteren Hollywood-Film nach It‘s my turn machte (The Guardian 20.7.2021).
• Q&A with Claudia Weill, BFI Woman With a Movie Camera Summit 2021 (youtube)
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![]() |
| Weill mit ihrer Hauptdarstellerin Melanie Mayron |
Labels:
L: USA,R: Weill*Claudia,V: Silke,A: Andreas,G: Komödien-Drama,J: 1978,A: Silke,A: Miriam,A: Maren,Z: Farbfilm,A: Tilmann,D: Polon*Vicki,D: Weill*Claudia,F: VVC,
Silke, 15.12.2022,
ergänzt am 19.12.22


3 Kommentare:
Danke für den schönen Eintrag! Ich möchte nur anmerken, dass ich nicht das Gefühl hatte, dass mein Urteil deutlich negativer als das beim Rest der Truppe ausfiel. Mir kam es vielmehr so vor, dass wir alle den Film ganz gerne geguckt haben, dass wir vieles an ihm mochten (die Ehrlichkeit/Direktheit, die radikal feminine Sicht etc.), dass aber angesichts der filmischen Schlichtheit dann doch die letzte Begeisterung fehlte. Aber vielleicht irre ich mich ja auch.
Der Text von Claudia Weill ist übrigens toll!
Danke für den Film schönen Film und den schönen Blogbeitrag! Hab’ ihn nachgeholt. Toll! Unglaublich modern, die entspannte Erzählhaltung, der mäandernde Plot ohne klaren Konflikt. Toll all die beiläufigen Beobachtungen und die Glaubwürdigkeit, die von Schauspieler:innen und der sicheren, „schlichten“ Inszenierung kreiert wird.
Nicht politisch? Ich find’ doch. Schließlich wird ganz selbstverständlich von Frauen erzählt, die beruflich und sexuell nach ihrem eigenen Weg suchen. Leichthin wird die Ehe, glorifizierte Mutterschaft und das ganze Patriarchat in Frage gestellt. Dass das 1978 passiert, ohne die Vertreter des anderen Geschlechts „schlechter“ oder als „libidogesteuert“ darzustellen oder sonstwie zu dämonisieren, zeugt von Größe und von Selbstbewusstsein der Autorin, finde ich.
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