Freitag, 5. November 2021

Sin Señas Particulares (Mexiko 2020, Fernanda Valadez) – HVC

Bei Silke auf bzw. ums Sofa saßen Andreas, Sven, ABo, Larissa und Alex. Remote dabei die Hamburgerinnen Maren, Gunnar und Miriam in der TelKo; die Berlinerinnen waren heute anderweitig verplant.

Magdalena Loredo Martinez’ Sohn Jesús ist verschwunden. Mit einem Freund hatte der Teenager sich per Bus auf den weiten Weg gemacht gen Norden. Der Plan war, die Grenze zu den USA zu überwinden, um in Arizona illegal zu arbeiten. Seitdem keine Nachricht mehr von den beiden. Die Mütter wenden sich an die lokale Vermisstenstelle im Bundesstaat Guanajuato, lassen sich Blut abnehmen für einen DNA-Abgleich mit dem Blut verstümmelt gefundener Leichen und sichten Fotos von Kleidungsstücken und von noch präsentablen Toten. Wegen einer Pigmentstörung kann Magdalenas Freundin ihren Sohn schließlich auf einem Foto identifizieren. Von Jesús aber keine Spur. Er sei wohl unter den verbrannten Leichen, sagen Behördenvertreterinnen und empfehlen ihr, ihn für tot erklären lassen. Sie aber muss einfach wissen, was ihrem Sohn passiert ist und ob er noch lebt.
    Da Magdalena vor Ort nicht weiterkommt, reist die Frau aus einfachen Verhältnissen selbst nach Norden, in die sogenannte Todeszone Nord-Mexikos, einem der gefährlichsten Orte der Welt, wohl nach Tijuana. Dort erhält sie schließlich einen Hinweis, der sie zurückführt nach Guanajuato: in eine abgelegene Region hinter Ocampo, die von den Kartellen beherrscht wird und von den meisten Menschen deswegen bereits verlassen wurde. Eine No-go-Area, in die kein Bus, kein Mietauto mehr fährt. Hier begegnet sie Miguel, einem jungen Rückkehrer, von den USA deportiert. Er ist wie sie zu Fuß unterwegs, sein Ziel ist das einsame Ein-Zimmer-Haus seiner Mutter in den Bergen. Aber auch die ist verschwunden, wie so viele in der Gegend.
    Schließlich findet Magdalena in den Weiler La Fragua („Die Schmiede“) den seheingeschränkten alten Augenzeugen Alberto Mateo, der nur indigen spricht, und erfährt endlich dank der Übersetzung seiner Enkelin, was mit den Insassinnen des Busses damals geschah, in dem die Jungs reisten. Und trifft schließlich sogar auf Jesús – der inzwischen zu den marodierenden Banden gehört.  

Zunächst dachte ich, Magdalenas Sohn sei an der Grenze verschwunden. Aber auch in Zentralmexiko herrschen Gewalt, Willkür und Schrecken. Das dämmert uninformierten Zuschauerinnen wie mir erst nach und nach. Ein Beispiel: Das erste Stück der Reise gen Norden wird Magdalena von einem Freund, Pedro, gefahren. Als die beiden bei Dunkelheit auf der Landstraße unterwegs sind, ist zu hören, wie plötzlich ein Wagen links auf gleicher Höhe neben ihnen fährt. Eine Zeitlang hört mensch laute Musik, Stimmen und aggressives Gelächter. Dann beschleunigt der Wagen und verschwindet in der Nacht. Wegen mangelnder Tiefenschärfe und geringer Kontexterklärung sieht und versteht die Zuschauerin nicht recht, was da passiert. Aber es ist ganz klar eine bedrohliche Situation; das markieren die starren Gesichter von Pedro und Magdalena. Später passiert Miguel etwas ähnliches am hellichten Tag auf der Landstraße: Der Pickup, auf dem er mitreist, wird von Bewaffneten gestoppt, darf dann aber doch unbehelligt passieren, nachdem ein Scherge alle einzeln eingehend gemustert hat. Diesmal noch davongekommen. Die offenbar alltägliche Bedrohung durch Wegelagerer in Mexiko.  

Die geringe Kontextdarstellung von Korruption, Kriminalität und Unmenschlichkeit in Mexiko macht es ausländischen Zuschauerinnen von „Sin Señas Particulares“ zunächst schwer zu verstehen, was da vor sich geht. Andererseits korrespondiert dies vielleicht mit Magdalenas Sicht, die auch nicht recht zu ahnen scheint, was alles passiert im Land. Überhaupt ist die Informationsverteilung interessant. Nur die Zuschauerin erfährt etwa, dass Miguel und Magdalena sich fast schon einmal begegnet wären, als sie gleichzeitig im Eßsaal eines migration shelter saßen, bevor sie sich dann in der Landschaft irgendwo hinter Ocampo kennenlernen. 

Sin señas p.– Mercedes Hernández, Fernanda Valadez, Astrid Rondero
Hauptdarstellerin Mercedes Hernández mit Fernanda Valadez
und Astrid Rondero auf dem Sundance-Festival









Das Debüt von Fernanda Valadez (*1981 in Guanajuato), die das Drehbuch zusammen schrieb mit Astrid Rondero, war harter Stoff, überzeugte aber erzählerisch, ethisch und ästhetisch. Valadez und Rondero kennen sich aus ihrem Filmstudium und arbeiten seitdem oft zusammen, auch Rondero ist Regisseurin. Überzeugende Leistung auch der Kamerafrau Claudia Becerril Bulos.
    Valadez’ Kurzfilm „400 Maletas“ (400 Taschen, 23 min) von 2014 mit derselben Hauptdarstellerin hat den gleichen Plot: „Magdalena makes a journey to find her missing son, who disappeared on his way to the border with the United States“ (gemäß imdb-Inhaltsangabe). Eine imdb-Rezension moniert denn auch am Langspielfilm:

„Sadly, you could notice the short film material dragged out to 96 minutes, and it felt so much longer with its snail paced scenes... I understand that added to the dramatics but if was painful! So, I would recommend it for one off watching, and prepare yourself - it will seem long!“

Die Variante eines Roadmovies gefiel uns allen aber gut; auch Miriam, die allerdings sagte, allein hätte sie den Film bestimmt nicht zu Ende geguckt.

In dem mexikanischen Bundesstaat Guanajuato, aus dem Valadez stammt, mit der gleichnamigen Hauptstadt Guanajuato City, ist das wichtigste Filmfestival Mexikos beheimatet, das GIFF (Guanajuato International Film Festival), wohl mit einem Schwerpunkt zu Afrika. Jedenfalls kam ich drauf dank Svens jüngstem Blogeintrag zu „You will die at 20“, der hier einen Preis erhalten hat, wie Sven erwähnt. GIFF gilt als Plattform für junge Filmemacher. Hier wurde Valadez’ Kurzfilm gezeigt und mit einer Förderung bedacht, wie auch von der Berlinale. Wohl dies ermöglichte Valadez erst, einen Langspielfilm zum Thema zu realisieren. Die Geographie machte mir Probleme; da half es zu lesen, dass allein aus Geldgründen schon der Film, abgesehen von den Grenzszenen, in Guanajuato gedreht wurde. Der Stausee, den Magdalena umgehen muss, um den Augenzeugen zu finden, als recherchierbare Landmarke ist wahrscheinlich die Álvaro-Obregón-Talsperre in Guanajuato.
    Die Personalkonstellation von jungen Filmemacherinnen, die nach gezielter Filmförderung infolge ihrer Kurzfilme die Traumata ihres Landes anhand eines verlorenen Kindes aus der Sicht der Mutter in Filmen thematisieren, erinnerte mich an „Zana“, den ich im Juli gezeigt habe.
    Die vielfach ausgezeichnete Hauptdarstellerin Mercedes Hernández kennen wir übrigens schon aus „El violín“, den Sven und ich mal zu zweit im VC gesehen haben (nur 2 waren ok wegen kurzfristiger Absage des Dritten). Sie ist professionelle Schauspielerin, die hier in „Sin Señas Particulares“ neben Laiendarstellerinnen zu sehen ist. Überhaupt ist alles in allem „Sin Señas Particulares“ so unähnlich „Nomadland“ nicht: Frau allein unterwegs im Widescreen vor schöner Landschaft. Und doch ganz anders. Same same but different eben.

Zum Visuellen: Wikipedia zitiert eine Rezension von Gaby Sikorski: Sie hebe die geniale Kamerafrau Claudia Becerril Bulos hervor, die viel mit Bokeh, gezielt gesetzten Unschärfen, und mit ungewohnten Kameraperspektiven arbeitete. Valadez verwende zudem viele Symbole, nach Luft schnappende Fische oder eine Operation am Auge, die für Hoffnung und Resignation stünden, und zwischen diesen beiden Extremen bewege sich der Film, der in grandioser Bildsprache vom Elend eines ganzen Landes erzählt, von Opfern, die zu Tätern werden.
      Der Widescreen der Kamerafrau Claudia Becerril war durchaus beeindruckend bei den Landschaftsaufnahmen, fand ich, wurde aber den Figuren nicht gerecht. Der Bildausschnitt ist halt extrem horizontal, Menschen sind aber eher vertikal ausgerichtet. Es gefällt mir bspw. nicht, wenn die Köpfe der Menschen oben angeschnitten sind. 
     Gunnar fühlte sich wegen der geringen Tiefenschärfe, die nur die zentrale Figur fokussiert, an „Son of Saul“ erinnert. Auch die Musik mit dem dröhnenden langen Halten eines Tons könnte an den KZ-Schocker erinnern. Ich dachte wegen einiger Kameraeinstellungen an Ozu; dazu passen auch die Stilleben-Zwischenschnitte der Landschaften oder einzelner Elemente. Auch Andrea Arnold macht das so ähnlich.

Titel:
Der spanische Originaltitel meint: Ohne besondere Kennzeichen.
Englischer Titel: „Identifying Features“ 
Deutscher Titel: „Was geschah mit Bus 670?“ (schweigen wir besser über die merkwürdige Übersetzungspraxis in der deutschen Verleihwirtschaft)

Bewertungen: „Sin Señas Particulares“ hat diverse Preise gewonnen, u.a. beim Sundance Festival, wo er im Januar 2020 das erste Mal gezeigt wurde. Er unterlag aber auf anderen Festivals „Nomadland“. Soll im März 2022 in deutsche Kinos kommen.  

  • imdb: 7,4
  • Metascore: 85, mit einem Must-See-Icon daneben – aha. Der user score aber nur bei 6,2.

Weltwissen: Larissa übermittelte später eine Empfehlung von Alex zum Thema zu einer Doku auf arte. Der Begleittext erläutert: „In den vergangenen 15 Jahren starben im Krieg der Drogenkartelle in Mexiko über 250.000 Menschen, zehntausende Frauen, Männern und Kindern werden bis heute vermisst. Die Narcos töten, um unbequeme Zeugen verschwinden zu lassen, und sie festigen ihre Macht durch Terror. Dazu gehört auch, dass sie Menschen einfach verschwinden lassen. Meistens ermitteln die Behörden kaum in diesen Fällen.“ Auch die Polizei ist korrumpiert, wie in „Sin Señas Particulares“ mehrfach betont wurde. In der Doku wird auch erklärt, dass gekidnappte junge Männer – wie Jesús im Film – meist unter Drogen gesetzt werden und fran ihnen droht, ihre Familien zu massakrieren, wenn sie nicht mitmachten. Das war mir nicht klar; die Nachlieferung aus der Realität mildert mein Urteil über Magdalenas Sohn etwas ab und auch seine Mythologisierung als Teufel, wie der Augenzeuge ihn wahrgenommen hat.

Links zum Weiterlesen: 

  • Zu Fernanda Valadez 
  • Interview mit Fernanda Valadez auf YouTube wegen panemischer Zeiten 
  • Interview mit Fernanda Valadez und Astrid Rondero 
  • Infos zum wohl realen Vorbild des San-Fernando-Massakers in der Region Tamaulipas im März 2011, als das Los-Zetas-Kartell mindestens 193 Menschen tötete, die sie aus Bussen gekidnappt hatten.  

In eigener Sache: Ich verwende als Frau ab sofort das generische Femininum. Auch wenn Männer damit grammatikalisch nicht genannt werden, sind sie natürlich immer mitgemeint. Damit adaptiere ich eine Idee der Literaturwissenschaftlerin Susan S. Lanser, die Geschlecht von Erzählerfigur und Verfasserin korreliert. Auf diese Weise will ich im Selbstversuch erfahren, ob – und wenn ja – wie stark die deutsche Sprache dadurch verunschönt wird und das Schreiben unnötig umständlich. 

(sl 28.11.2021)














6 Kommentare:

Rene hat gesagt…

Hatte ich kurz nach Silkes Zeigen nachgeholt. Toller Film, hatte mich etwas an Backyard (2009) erinnert, wo die Geschichte noch schlimmer ist. Scheinbar ist Mexiko eine sehr große No-Go-Area zu haben. Wirklich erschreckend.
An Nomandland hab ich auch einige Mal gedacht auch wegen dem Doku-Charakter.
Toller Film - schöner Beitrag!
Danke

Gunnar hat gesagt…

Danke für den ausführlichen Beitrag! An "Son of Saul" von László Nemes und an den Nachfolger "Sunset" musste ich nicht nur wegen des Stilmittels denken, den Hintergrund, in dem für die Handlung wesentliche Dinge passieren, völlig in die Unschärfe zu versenken, sondern noch mehr wegen der Kamera, die den Protagonisten folgt: Man sieht den Rücken und Hinterkopf der Figur mitig im Bild und sonst nicht viel und bewegt sich so ganz nah durch bedrohliche Szenerien.

Gunnar hat gesagt…

Zum generischen Femininum: Ist natürlich viel schöner als die beknackten Notlösungen mit beiden Formen oder dem großen I usw.

Klingt in meinen Ohren leider ein bisschen verbissen, aber vielleicht ist das reine Gewöhnung.

Wenn die Männer immer mitgemeint sind, ist das natürlich kein bisschen besser als andersrum, wie es traditionell ist. Okay, zum Ausgleich kann man die nächsten 500 Jahre mal den Spieß umdrehen, kann man nichts gegen sagen. Aber wär's nicht besser, eine schöne Lösung zu finden, die diskriminierungsfrei ist? (Jaja, gibt's halt nicht im Deutschen.)

Miriam hat gesagt…

Ich wollte schon schreiben, welche Berlinerinnen? Für mich geht das überraschenderweise gar nicht.

Gunnar hat gesagt…

Du findest es ja auch supi, immer nur mitgemeint zu sein. Geht halt nicht jeder so. Und mir auch nicht, wenn der Spieß umgedreht wird.

Lasst uns das Deutsche einfach aufgeben. Im Englischen ist's einfacher.

x hat gesagt…

harte Geschichte, schön gefilmt, mir waren die Unschärfen auf Dauer zu viel, aber trotzdem schön, das Tothacken zum Ende hab ich mir nicht gegeben. Die Kamera, die den Figuren immer am Rücken klebt habe ich zuallererst bei den Dardennes kennengelernt (The Son), die Augen-OP habe ich als modernes Update zu Chien Andalou verstanden und lieber nicht so genau hingeguckt. Auf jeden Fall trägt der Film dazu bei, dass mir Mexiko als echtes Scheißland vorkommt, wo ich definitiv keine Zeit verbringen möchte. Auch wenn die Landschaftsbilder toll waren. Highlights waren für mich die Umkehrungen der Darstellung durch die Wasserspiegelungen.

Man könnte die deutsche Sprache vielleicht so verändern, das es nur noch sächliche Artikel gibt (das Mann, das Frau, das Gott, das Fisch, etc.) und dort wo es -er/-erin-Konflikte gibt, einfach alles 50/50 aufteilen (also nur das Bäckerin oder das Frisör ohne die jeweils männliche/weibliche Unterscheidung). Mehr Objekt, weniger Mensch.