Donnerstag, 14. September 2017
I soliti ignoti (Italien 1958)
Regie: Mario Monicelli
Mit Vittorio Gassman, Claudia Cardinale, Marcello Mastroianni, Carla Gravina, Totò, Renato Salvatori, Memmo Carotenuto und Rossana Rory
Ein Klassiker des italienischen Kinos, der hierzulande seltsamerweise völlig unbekannt ist. War offenbar sehr einflussreich, hat die Karriere von Cardinale, Mastroianni und Gassman stark befördert und es gab gleich zwei amerikanische Remakes (eines davon von Louis Malle). Ein gutes Beispiel dafür, wieso der "Listen-Irrsinn" sehr hilfreich sein kann, denn man kommt an den "üblichen Unbekannten" einfach nicht vorbei, auch wenn man sonst noch nie davon gehört hat: Platz 45 auf der BBC-Komödienliste, vertreten auf der 100-film-italiani-Liste, Platz 881 bei TSPDT, geadelt durch eine Veröffentlichung bei Criterion.
Es gibt einen deutschsprachigen Text zu dem Film von Harald Steinwender, "Tod, Elend und Slapstick" überschrieben, der ist so toll und treffend, wie ich finde, dass ich ihn hier in Gänze reinkopiere:
"Der seit den 30er Jahren in der italienischen Filmindustrie aktive Mario Monicelli ist einer der bedeutendsten Vertreter der Commedia all’italiana, die ihre kommerzielle Blütephase in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte. Unter den über 60 Filmen, die Monicelli zwischen 1935 und 2008 inszeniert hat, mag der 1958 erstaufgeführte und damals äußerst erfolgreiche „I soliti Ignoti“ („Diebe haben’s schwer“) zwar heute in Deutschland nur noch wenigen bekannt sein, aber er ist eines der gelungensten Werke Monicellis, wenn nicht gar sein Meisterwerk. Es ist ein Trauerspiel, dass in Deutschland tatsächlich kein einziger Film Monicellis gegenwärtig auf DVD erhältlich ist.
„I soliti Ignoti“ stellt zunächst einmal ein gutes Beispiel für die Berührungspunkte von Neorealismo und Commedia all’italiana zu dieser Zeit dar. Die Hauptfiguren, bestenfalls Helden des Alltags, sind arme Schlucker, stark typisiert und ihr Lebensumfeld ein zentrales Interesse des Films. Da ist der sizilianische Macho (Tiberio Murgia), der mit extremer Eifersucht über seine Schwester wacht (fast noch schöner als sonst: Claudia Cardinale in ihrer dritten Kinorolle); ein alleinerziehender Vater (Marcello Mastroianni), dessen Frau im Knast sitzt und ein ehrlicher Boxer (Vittorio Gassman), der bei der ersten Gelegenheit zum Dieb wird, damit er nicht arbeiten muss. Hinzu kommen ein komischer Alter (Totò), stets auf der Suche nach Essbarem und ein kleiner Dieb (Renato Salvatori), der sich in die Schwester des Sizilianers verliebt. Mit seiner expressiv agierenden Ensemble-Cast hält Monicelli immer die Wage zwischen Lächerlichem und Tragik, dummdreister Verbohrtheit und verletzter, aber doch intakter Würde. Insbesondere die wunderschöne Carla Gravina als Nicoletta bringt ein utopisches Moment in den Film; eine Hoffnung, für die auch der größte Umweg gerechtfertigt erscheint.
Der Humor des Films reicht von sorgfältig getimtem Slapstick bis zum nahtlosen Übergang von Komik in Schock, wobei die hier stärker als in Monicellis „La Grande Guerra“ („Man nannte es den großen Krieg“, 1959) zur Strukturierung des Films eingesetzten Zwischentitel deutlich auf die frühe Stummfilmkomödie verweisen. Insbesondere der an Dassins „Du Rififi chez les Hommes“ („Rififi“, 1955) angelehnte Caper ist beispielhaft gelungen. Hier geht auch wirklich alles schief, was schiefgehen kann und letztlich bleibt vom intendierten Meisterverbrechen nur ein bloßer Akt des überkompliziert ausgeführten Mundraubs. In einer Nebenhandlung, die den Hauptplot variiert, folgen wir einem glücklosen Dieb bei seinen zahllosen Raubversuchen. Selbst der Versuch, mit vorgehaltener Pistole einen Pfandleiher zu berauben, geht schief: „Weißt du was das ist?“, raunt er drohend, und schiebt die Pistole unter der eingeschlagenen Zeitung heraus. Doch der Pfandleiher langt einfach über den Tresen, reißt ihm die Waffe aus der Hand, mustert sie abfällig und erwidert, sicher wisse er, was das ist; eine kleinkalibrige Beretta, in sehr schlechtem Zustand: „1000 Lire.“ Als wir dem Dieb dann bei seinem nächsten Versuch begegnen, diesmal dabei, mit dem Fahrrad einer Hausfrau die Handtasche zu rauben, erwarten wir eine Slapstick-Szene. Und tatsächlich beginnt die Frau sich sogleich lautstark zu wehren, vertreibt den abermals gedemütigten und verhinderten Dieb. Er dreht sich um, rennt los – und wird direkt von der Straßenbahn erfasst. Schnitt zum Begräbnis. Die italienische Komödie bestimmt eine Neigung zur Grausamkeit, oder besser: zur Härte. Lachen und Trauer, Komik, Elend und Tod, Spott und Zuneigung, Verachtung und Wertschätzung, Stärke und Schwäche; all das trennt hier oft gerade mal ein Schnitt. Besonders macht diese Filme ihre wohl auch politisch inspirierte Zuneigung zu den Deklassierten, die hier, ohne sie zu überhöhen oder zu verklären, in all ihrer Schäbigkeit doch als zutiefst menschliche, rührende und gleichsam rührselige Individuen erscheinen. Für die Oberschicht, die Monicellis Anti-Helden berauben wollen, interessiert sich der Regisseur keinen Deut. Für das Drama der einfachen Leute, also der üblichen Unbekannten [= i soliti ignoti], die der Film schon im Titel trägt, aber umso mehr."
Ebenfalls lesenswert ist ein Blogeintrag bei Criterion von David Blakeslee, der kurz nach Monicellis Tod entstanden ist. Und dieser Text von Matthew Dessem geht auf sprachliche Aspekte ein, die uns beim Gucken komplett entgangen sind.
Erwartungsgemäß hat der Film uns Anwesenden – Silke, Sven und mir – gut gefallen. Allerdings sind wir nicht vor lauter Lachen vom Sofa gerutscht. Mit Pietro Germis sizilianischen Geschlechterkämpfen kann er dann eben doch nicht ganz mithalten. Sven ist gegen Ende sogar eingeschlummert, hat aber gemeint, dass der Film nichts dafür gekonnt habe. Und Silke ging der omnipräsente jazzige Soundtrack von Piero Umiliani gelegentlich auf den Senkel.
Umiliani ist euch wahrscheinlich ein Begriff, er dürfte der zweitwichtigste und -bekannteste Filmmusikkomponist aus Italien sein. Sein Mah-na-mah-na kennen wir alle aus der Sesamstraße. Geschrieben hat er es für einen Schmuddel-Report über Schweden.
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1 Kommentar:
Hach, den hätte ich ja gerne gesehen!
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