Donnerstag, 3. November 2016

New Orleans (USA 1947)

Diese Woche erneut bei Silke. Mit Sven und Gunnar.
   Toller Film über den Jazz. Der ist aber nur Nebenprodukt.  Die entbehrliche Hauptstory behandelt vielmehr das Liebesleid eines ehrbaren Barbesitzers mit musikalischen Angestellten. (Klingelt da was bei wem wie bei mir? Jezz: ”Casablanca“! Nur fünf Jahre zuvor entstanden. Bogarts Rick heißt hier allerdings Nick.)
    Billie Holiday fühlte sich in diesem Film offenkundig unwohl, wohl nicht zuletzt weil sie rassenklischeekonform eingeführt wird als Maid weißer Südstaaten-Damen. Blieb denn auch ihre einzige Rolle. Aber ihr und Louis Armstrong beim Musikmachen zuzuschauen, war  unbedingt sehenswert.   
     Auch der Darstellung vom Ende Storyvilles (toller Name übrigens). 1897 war es nach dem Vorbild von norddeutschen Rotlichtvierteln – also St. Pauli? – eingerichtet worden. Hier soll der Jazz geboren worden sein, die besseren Bordelle erlaubten sich, Hauspianisten zu beschäftigten. Das waren meist Schwarze, weil nach einer Phase der Entspannung deren Ausgrenzung wieder verstärkt betrieben wurde. Die zuvor noch gut ausgebildeten Musiker sahen sich also plötzlich ohne Auftrittsmöglichkeiten, und da kam der Job im Bordell gerade richtig, um doch noch den Lebensunterhalt zu verdienen.
    Da die Gäste dort eigentlich wegen was anderem da waren, dürfte das enorme Freiheiten und viel Raum zum Ausprobieren eröffnet haben. Der Geburtsort des Jazz erklärt vielleicht auch die heftige Entrüstung über diese Musik, wie im Film dargestellt, war sie doch für die ehrenwerten Bürger im Film und für die Zeitgenossen offenbar mit käuflicher Liebe konnotiert. Im Film allerdings ist der Jazzkeller "nur" eine Ergänzung zu einem Spielpalast, der aber als sehr, sehr, sehr anrüchig dargestellt wird. Trotzdem geht die Bourgeoise hin - wie in den Puff halt.
     Armstrong kannte das Milieu gut, denn er hatte sich in Storyville bereits als Junge verdient gemacht: Er lieferte Kohlen ins Freudenhaus und hörte dabei viele ausgezeichnete Musiker. Als der Film aufgenommen wurde, war das Viertel zwar schon seit 1917 geschlossen, aber erst kurz zuvor waren die Häuser selbst plattgemacht worden. Der Film hat somit etwas sehr Nostalgisches, das man aber während des Schauens nicht so richtig würdigen konnte, wenn man das entsprechende Hintergrundwissen nicht hatte wie ich. Auch ein so ganz anderer Film schildert übrigens das Ende Storyvilles: Malles "Pretty Baby"von 1978.
   Die beiden Filmplakate scheinen die Segregation noch mal wiederzuspiegeln: Rechts die Variante für das weiße Publikum, die auf das weiße Paar und das sehr konventionelle Liebesthema fokussiert mit einer Prise Anrüchigkeit dank sexy white lady (die im Film nicht vorkam!) und den erst ganz am Ende auftretenden weißen Klarinettisten aufs Bild hebt für das Musikthema. Oben links die Variante für das schwarze (und europäische?) Publikum, die auf das Liebesthema verzichtet – durchaus vorhanden zwischen Maid Andie und Musiker Satchmo – und statt dessen auf das setzt, worum es in dem Film eigentlich geht: den Jazz und die schwarzen Musiker. Das man zwei so verschiedende Plakate für einen Film gestalten kann, illustriert das Dilemma dieses Films: Er will es dem weißen Publikum recht machen und zugleich der verehrten Musik gerecht werden – dieser filmästhetische Spagat geht gründlich in die Grütze.
   Hier das Wichtigste aus dem Film, alles andere kann man sich schenken (vor allen die Versuche der eigentlichen und eigentlich ganz süßen Protagonistin, mit ihrer klassisch ausgebildeten Stimme den Blues zu singen) – die Jazz-Jungs und Billie Holiday: 

4 Kommentare:

Gunnar hat gesagt…

Danke für die Infos. Superinteressant die unterschiedlichen Poster. Aber nix "schwarzes Publikum". Ist ein schwedisches Plakat von Eric Rohman.

Ist überigens wiedermal ein richtige Rarität, die wir da gesehen haben. 256 Stimmen bei IMDB, 7 externe Kritiken, 17 Nutzerkommentare, keine Untertitel verfügbar...

Hier ein sehr informativer IMDB-Kommentar.

Andreas hat gesagt…

Hach, den hätte ich ja ganz gern gesehen (und um ehrlich zu sein, hätte ich dafür gerne das schwedische 80er-Schwulen-Drama von letzter Woche drangegeben). Die Billie-Holiday-Szene kannte ich allerdings schon, und wenn die eh das einzig Sehenswerte war ...

Andreas hat gesagt…

Moment mal: bei Silke, nicht bei Gunnar? War das nicht wenige Stunden vorher anders angekündigt worden? Und hat es das schon mal vorher gegeben: drei Mal VC bei ein und demselben Gastgeber? Tja, ich fürchte, wenn ich es nicht weiß, dann weiß es eh niemand.

Silke hat gesagt…

Ein IMDM-Kommentar, gezeichnet als WinderMaiden aus L.A., beschreibt sehr treffend:
"the film has a surprising amount of atmosphere, and some enjoyable surprises: There are no villains, for one thing-- All of the characters are surprisingly likable. For another, all of the women are strong-willed decisive characters who know what they want--even the cuddly blonde who plays the female lead. Considering the era, when Rosie the Riveter was relentlessly being herded back to hearth and home and told to be a good little housewife, and when almost the only strong female characters in American films were the evil seductresses of film noir, it's nice to see a nice girl who has a career, makes her own choices, and makes the first move when she's interested in a man. Also, while it may be sad to see Billie Holliday in a maid's uniform, it's good to be able to see her at all, and it's very good that those white characters attracted to Dixieland treat the black characters with respect. I also liked the scene where the heroine sang a Dixieland encore at a classical concert. Some of the audience walked out, and some stayed to enjoy and applaud--a realistic and unshowy way to stage the scene."
(http://www.imdb.com/title/tt0039655/reviews)